Full text : Die Prostitution als soziale Klassenerscheinung und ihre sozialpolitische Bekämpfung

danken  über  die  Bekämpfung  der  Geschlechtskrankheiten  durch  die
Krankenkassen.
Herr  Professor  Neisser  erhofft  von  den  deutschen  Krankenkassen
neben  einer  wirksamen  Kampfespraxis  gegen  die  venerischen  Leiden
auch  eine  wesentliche  Befruchtung  der  theoretischen  hygienischen
Forschung.  Er-spricht  in  den  Leitsätzen  zu  seinem  Referat  über
das  Thema:  „Inwieweit  können  die  Krankenkassen  zur  Bekämpfung
der  Geschlechtskrankheiten  beitragen"  den  Gedanken  aus,  das;  die
Resultate  einer  viele  Millionen  Personen  umfassenden  Krankenkassenstatistik
  erst  die  Forschung  über  den  Wert  oder  Unwert  bestimmter
hygienischer  Maßregeln  weiterführen  können.  Herr  Professor  Neisser
bemüht  sich  daher,  ein  brauchbares  einheitliches  Schema  zur  Erforschung ­
  der  sanitären  Verhältnisse  der  geschlechtskranken  Kassenmitglieder ­
  aufzustellen.
Den  Schwerpunkt  aller  Maßnahmen  gegen  die  Geschlechtskrankheiten ­
  legt  Neisser  in  die  Krankheitsverhütung,  in  die  belehrende
Tätigkeit  der  Krankenkassen  über  die  Bedeutung  und  die  Gefahren
der  Geschlechtskrankheiten.  Er  stützt  dann  seine  weiteren  Maßnahmen ­
  gegen  diese  Leiden  direkt  auf  eine  Fortbildung  der  Krankenversicherung ­
  und  der  durch  sie  ins  Leben  gerufenen  Institutionen.
Er  fordert  die  Ausdehnung  der  Krankenversicherung  auf  die  Familienmitglieder, ­
  die  Bildung  großer  örtlicher  Kassenverbände  zur  Erhöhung ­
  der  finanziellen  Leistungsfähigkeit  der  Kassen,  die  Einführung
regelmäßiger  ärztlicher  Untersuchungen  der  Kassenmitglieder,  die
obligatorische  Krankenhausbehandlung  der  Kassenmitglieder  in  allen
von  den  Aerzten  für  notwendig  gehaltenen  Fällen,  die  Ausrüstung
der  Kassen  mit  dem  Recht,  Mittel  für  die  Krankheitsverhütung  einzustellen ­
  und  schließlich  den  Ausbau  der  Krankenkontrolle.
Mit  den  Führern  der  deutschen  Krankenkassenbewegung  streitet
Herr  Professor  Neisser  für  eine  Verbreitung  und  Vertiefung  der
sozialhhgienischen  Aufgaben  der  deutschen  Krankenkassen.  Eine  regelmäßige ­
  sanitäre  Kontrolle  der  Venerischen  in  ihren  Wohnungen
müßte  im  Interesse  der  Einschränkung  der  venerischen  Leiden  einsetzen. ­
  Diese  Kontrolle,  diese  sanitäre  Wohnungskontrolle  hat  nun
heute  schon  in  erfreulicher  Weise  um  sich  gegriffen.  Unsere  großen,
leistungsfähigen  Krankenkassen  lassen  ihre  Kranken  durch  freiwillige
Kontrolleure  und  durch  Bcrnfskontrollcnre  überwachen.  In  Frankfurt ­
  a.  M.  machten  1901  zehn  Bcrufskontrolleure  72  691  Besuche  in
den  Wohnungen  der  Kranken.  Diese  Ueberwachung  erweist  sich
gerade  den  geschlechtskranken  Personen  gegenüber  als  eine  unumgängliche ­
  Notwendigkeit.  Die  Herren  Aerzte  müssen  cs  sich  angelegen
sein  lassen,  die  Kranhenkontrolleure  zu  sanitären  Hülfsbeamten
weiter  zu  bilden.  Der  Krankenkontrolleur  beobachtet  in  der  Wohnung
des  Erkrankten  zahlreiche  hygienische  Mißständc.  Da  ist  das  Bett
des  Erkrankten  mangelhaft.  Die  Waschgelegenheit  läßt  zu  wünschen
übrig.  Der  Abort  wird  von  zu  zahlreichen  Hausbewohnern  benutzt.
Der  Erkrankte  verhält  sich  nicht  sorgfältig  genug  im  Verkehr  mit
            
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