3. Unternehmer und Arbeiter.
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rhythmische Rasseln der Räder eines Schnellzugs nur in sehr primitiver Weise, wir
selbst vielleicht in unseren Feierstunden, in denen wir sind wie andere Menschen auch.
Nebenbei bemerkt: es steckt viel Menschliches in einem Ingenieur, was die Welt außer
unseren Kreisen erst noch zu lernen hat.
Daran liegt es wohl, daß die schöne Literatur in ihren besten und größten
Werken das fruchtbare Gebiet der modernen Technik in auffallender Weise vernach
lässigt. Fast jeder andere Beruf kann stolz auf ein Buch oder eine Reihe von Büchern
hinweisen, die ihn dem allgemeinen menschlichen Empfinden nahebringen und dadurch
ihn und sich selbst verherrlichen. Edelmann, Bettelmann, Bauer, Soldat, alle haben
ihre Dichter gefunden. Dem Künstler, dem Handwerker, dem Kaufmann, dem Arzt,
dem Juristen, dem Theologen haben bedeutende Schriftsteller ein Denkmal errichtet.
Wir sind noch immer fast leer ausgegangen.
Unsere größten Dichter allerdings hatten trotz des enger begrenzten Geistes ihrer
Zeit auch in dieser Richtung die Gabe des Hellsehens. Goethes greiser Faust
schließt in einer der größten Dichtungen aller Zeiten ein überreiches Leben mit der
Arbeit des unermüdlichen Kulturingenieurs, Dämme bauend, Kanäle grabend, nach
dem ihn die bloße Geistesarbeit und die höchsten Genüsse des Daseins an die Grenze
der Verzweiflung geführt hatten. Schiller knüpft in einem Gedicht, das nach
einem Jahrhundert noch nichts von seiner männlichen Kraft und seiner lyrischen Zart
heit verloren hat, an das Werk einer Glockengießerei Gedanken, die das ganze
Menschenleben mit einer Fülle von Poesie überschütten. Drum waren diese Herren
keine Studierstuben- und Kaffeehauspoeten und sahen trotz aller Sehnsucht nach
klassischen Schönheitsidealen, die auch sie nicht wieder beleben konnten, — denn die
Menschheit hat keine zweite Jugend — daß das Leben in seiner Arbeit, das Schaffen
am Webstuhl der eigenen Zeit, die Quelle der gesundesten Poesie ist und bleibt.
Allerdings wissen unsere heutigen Problem- und Weltjammerdichter mit derlei
Stoffen nichts anzufangen. Wollen sie der Abwechslung wegen die Naiven und
Harmlosen spielen, so genügt es ihnen, in tausendfacher Wiederholung die Frage zu
lösen, ob und wie ein Gänschen feinen Gänserich bekommt. Sind sie des unschuldigen
Tones satt, was in neunzig von hundert Fällen zutrifft, so finden sie einen doppelten,
kreuzweisen Ehebruch interessanter als alles Große, das unsere Zeit mit ihrer un
erschöpflichen Zeugungskraft hervorbringt. Auch die Geistreichsten unter ihnen, wenn
sie diese Seite des modernen Lebens streifen, hören nur die unvermeidlichen Disso
nanzen, die durch jede Zeit des Kampfes gellen, sehen nur das Elend, das, wie die
Schlacken den reinen Metallstrom der Hochöfen, unsere großen, hart erkämpften Er
folge begleitet. Selbst die Berufensten, sobald sie den Qualm der Essen bemerken
oder das Pochen unserer Hämmer hören, flüchten hinaus in Wald und Flur oder
auf die abgegrasten Gefilde vergangener Jahrhunderte.*)
3. Unternehmer und Arbeiter.
(Ein Rückblick auf mein Leben.)
Von Alfred Krupp.
Krupp, Ein Wort an die Angehörigen meiner gewerblichen Anlagen. Als Manuskript
gedruckt. Essen, Buchdruckerei des Kruppschen Etablissements, (18771- S. 6—8 und S- 10.
Es ist bekannt, daß im Jahre 1826 die verfallene Gußstahlfabrik ohne Vermögen
mir zur Führung anvertraut wurde. Mit wenigen Leuten fing ich an, sie verdienten
*) Ausnahmen, wie z. B. Rosegger in seinem „Heimgarten" (Oktober 1899, Heft 1,
S. 56), können nur die Regel bestätigen. (Vgl. Eyth a. a. O. S- 22*). — G- M.s