10
Willen ein Vermögen der Zwecke nennt 1 ). Die Erkenntnisinhalte
des Verstandes suchen die Zweckmäßigkeit
der äußeren Welt zu ergründen, die Willensakte
dagegen suchen eine bestimmte Zweckmäßigkeit in der
äußeren Welt zu begründen. Die Willensinhalte oder
Zweckreihen steigen hinunter zu den Gegenständen der
äußeren Welt, und ihre Anwendung auf dieselbe ergibt
die Werturteile. Somit ist das Werturteil das Messen
der äußeren Welt an dem Maßstab der inneren.
Das Nicht-Entsprechen der Gegenstände der äußeren
Welt mit den Zweckmäßigkeitsinhalten des Seelenlebens
oder des Willens wird empfunden als Bedürfnis. Das
Streben, die Gestaltung der äußeren Welt den Bedürfnissen
der inneren anzupassen, ergibt das Begehren.
Die durch das Begehren hervorgebrachte Äußerung der
menschlichen Kräfte (physischen und geistigen, unmittelbaren
und mittelbaren) ergibt das Handeln. Das Handeln
sucht die Gegenstände oder Verhältnisse der
äußeren Welt dem Willenseharakter der inneren anzupassen.
Der Willensinhalt kann sich beziehen entweder nur
auf die reine Form oder die Motive des Handelns oder
auf die konkrete Zweckmäßigkeit der Handlung in bezug
auf deren vorgefaßte empirische Resultate. Im
ersten Fall haben wir ästhetische oder ethische Werturteile,
im zweiten Falle — technisch - ökonomische
Werturteile.
Das ästhetische Werturteil bezieht sich auf die
reine Form der Dinge, beurteilt bei einem freien Spiel
und nach einer unbewußten Zweckmäßigkeit der Eindrücke
zu den Seelenkräften des Menschen 2 ).
1 ) Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Reclam, S. 71.
2 ) Kant, Kritik der Urteilskraft, Reclam. Das ästhetische
Urteil als Freiheit des Spiels der Seelenkräfte: „Das Urteil heißt
auch eben darum ästhetisch, weil der Bestimmungsgrund desselben