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haben, zeigen, daß von einem Niedergang der Industrie keine Rede
sein kann; das Wachstum des Schutzzolls in der ersten Hälfte des
neunzehnten Jahrhunderts und ihr stationärer Zustand seit dieser
Zeit zeugen nur davon, daß die Politik der Heranziehung aus
ländischer Kapitalien durch einen generellen Schutz aller Industrie
zweige ihr Ziel verfehlte, und daß es der Regierung nicht gelungen,
ein Aufblühen der russischen Industrie auf Kosten französischer,
deutscher und englischer Ersparnisse herbeizuführen. Herr Pro- .
fessor Soboleff hätte den oben gezeigten Fehler nicht begangen,
hätte er genau zugesehen, welche Bedeutung das Quantum und
die Herkunft des zufließenden Kapitals für die Entwicklung der
heimischen Industrie besitzt. Er ahnt überhaupt nicht, daß der
generelle russische Protektionismus ein ganz anderes System der
Zollpolitik ist, als das protektionistische System eines Lists und
beurteilt die russische Zollpolitik, die die Heranziehung ausländi
scher Kapitalien verfolgt, vom Standpunkt einer Zollpolitik, die
eine andere Verteilung des nationalen Kapitals unter den ver
schiedenen Industriezweigen zum Ziele hat*). Die eine Art des
Protektionismus gleicht nicht der anderen. Der russische Pro
tektionismus ist keineswegs ein stümperhafter Versuch, das List-
sche System anzuwenden, sondern ein ganz besonderes zollpoliti
sches System, das seine besonderen ganz bestimmten Ziele verfolgt.
Wir halten es deshalb für völlig verfehlt, wenn Professor Soboleff
das Schlußergebnis seiner Untersuchung so formuliert, als ob in
der Zollpolitik Rußlands die »protektionistischen Aufgaben den
Prinzipien des Protektionismus nicht entsprochen haben« * 2 ).
Mit den Ergebnissen unserer Zollpolitik machten wir uns in
dem vorhergehenden Kapitel vertraut. Die übermäßige Steuerlast,
die eine Schwächung der wirtschaftlichen Kräfte der Bevölkerung
zur Folge hatte, verhinderte das Aufkommen heimischer Erspar
nisse. Der Mangel an eigenen Mitteln rief einen Hunger nach
ausländischen Kapitalien hervor. Das Bedürfnis an Kapital über
stieg die nationale Produktion in so großem Maße, daß in den
Jahren 1893—1908 nur 40°/o dieses Bedürfnisses durch die heimi
schen Ersparnisse gestillt werden konnten; die übrigen 60°/o wurden
durch den Zufluß ausländischen Kapitals befriedigt. Diese Ziffer
ist so groß, daß man auf den ersten Blick vermuten könnte, daß
’) Ibid. XVIII. Kapitel: Die Bilanz des Protektionismus in Rußland.
2 ) Ibid. S. 849.