Full text: Der historische Materialismus

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gewiß, gleich wie die Werkzeuge, durch welche wir die 
Außenwelt kennen lernen, selbst auch in fortwährender Ent— 
wicklung. Und auch die Außenwelt ist in Entwicklung. Und 
neben diesem Inhalt unseres Geistes ist auch die Kraft un— 
seres Geistes selbst, das Vermögen zur Abstraktion, in 
Entwicklung begriffen. Wie könnte es dann eine absolute 
oder ewige Wahrheit geben? 
Man hat viel und lange gekämpft um die Quellen der 
Wahrheit, der wahren Erkenntnis. Sind es angeborene 
Ideen, Kaͤtegorien a priori, oder nur die Erfahrung? Eitler 
Kampf! Allé Begriffe, sei es, daß sie a priori sind oder nur 
aus der Erfahrung stammen, sind selbst vergänglich, in 
Entwicklung begriffen, und beide Quellen also nicht ewig, 
nicht absolut, nicht Quellen einer „reinen“ Erkenntnis. 
Wir wollen hier diese Lehre der Veränderlichkeit, der 
Relativität aller Dinge, noch mit einigen Beweisen aus 
der allerletzten Zeit erhärten. 
Die moderne Naturwissenschaft hat die Relativität 
unendlich vieler Dinge, Formen, Bewegungen bewiesen. 
Jede Bewegung, alle Bewegung hat sie als relativ gezeigt. 
Es blieben in ihr aber noch immer einige absolute Größen 
und Maße. 
Newton glaubte an das Vorhandensein eines abso— 
luten Raumes Und ebenso ist für ihn die Zeit eine absolute 
Größe. Und bis in unsere Tage hinein sind seine Anschau— 
ungen als ganz sicher betrachtet worden, namentlich seit 
sie von Kant als Stützen einer Philosophie der Erkenntnis 
gebraucht worden sind 
„VBer absolute Raum bleibt vermöge seiner Natur 
und ohne eine Beziehung auf einen äußeren Gegenstand 
stets gleich und unbeweglich.“ 
„Die absolute, wahre und mathematische Zeit ver— 
fließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und 
ohne irgend eine Beziehung auf irgend einen äußeren 
Gegenstand.“ 
So schrieb Newton in seinem grundlegenden Werk: 
„Mathematische Grundlagen der Naturbetrachtung“ 
(1687), und dies ist seither allgemein als absolute Wahr— 
heit angenommen worden. Und auch die Masse galt als 
eine absolute Größe. 
Nun hat Einstein nachgewiesen, daß Raum und Zeit 
keine absolute, sondern relative Begriffe sind, deren Cha— 
rakter und Maß sich mit den darin vorhandenen Gegen— 
ständen und mit dem Bewegungszustand des Beobachters 
ndern, so daß verschiedene Personen Entsernungen und
	        
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