— 120
gewiß, gleich wie die Werkzeuge, durch welche wir die
Außenwelt kennen lernen, selbst auch in fortwährender Ent—
wicklung. Und auch die Außenwelt ist in Entwicklung. Und
neben diesem Inhalt unseres Geistes ist auch die Kraft un—
seres Geistes selbst, das Vermögen zur Abstraktion, in
Entwicklung begriffen. Wie könnte es dann eine absolute
oder ewige Wahrheit geben?
Man hat viel und lange gekämpft um die Quellen der
Wahrheit, der wahren Erkenntnis. Sind es angeborene
Ideen, Kaͤtegorien a priori, oder nur die Erfahrung? Eitler
Kampf! Allé Begriffe, sei es, daß sie a priori sind oder nur
aus der Erfahrung stammen, sind selbst vergänglich, in
Entwicklung begriffen, und beide Quellen also nicht ewig,
nicht absolut, nicht Quellen einer „reinen“ Erkenntnis.
Wir wollen hier diese Lehre der Veränderlichkeit, der
Relativität aller Dinge, noch mit einigen Beweisen aus
der allerletzten Zeit erhärten.
Die moderne Naturwissenschaft hat die Relativität
unendlich vieler Dinge, Formen, Bewegungen bewiesen.
Jede Bewegung, alle Bewegung hat sie als relativ gezeigt.
Es blieben in ihr aber noch immer einige absolute Größen
und Maße.
Newton glaubte an das Vorhandensein eines abso—
luten Raumes Und ebenso ist für ihn die Zeit eine absolute
Größe. Und bis in unsere Tage hinein sind seine Anschau—
ungen als ganz sicher betrachtet worden, namentlich seit
sie von Kant als Stützen einer Philosophie der Erkenntnis
gebraucht worden sind
„VBer absolute Raum bleibt vermöge seiner Natur
und ohne eine Beziehung auf einen äußeren Gegenstand
stets gleich und unbeweglich.“
„Die absolute, wahre und mathematische Zeit ver—
fließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und
ohne irgend eine Beziehung auf irgend einen äußeren
Gegenstand.“
So schrieb Newton in seinem grundlegenden Werk:
„Mathematische Grundlagen der Naturbetrachtung“
(1687), und dies ist seither allgemein als absolute Wahr—
heit angenommen worden. Und auch die Masse galt als
eine absolute Größe.
Nun hat Einstein nachgewiesen, daß Raum und Zeit
keine absolute, sondern relative Begriffe sind, deren Cha—
rakter und Maß sich mit den darin vorhandenen Gegen—
ständen und mit dem Bewegungszustand des Beobachters
ndern, so daß verschiedene Personen Entsernungen und