Full text : Untersuchungen über das Versicherungswesen in Deutschland

Heinz  Potthoff,  Wer  trügt  die  Kosten  der  sozialen  Versicherung?  287

gehende  Einzeluntersuchungen  dazu  nötig  sind.  Schon  aus  diesem  Grunde
mußte  hier  darauf  verzichtet  werden.  Außerdem  liegt  es  nahe,  wenn  an
die  umfassende  Bearbeitung  dieser  wichtigen  Frage  herangegangen  wird,
sie  nicht  aus  das  hier  behandelte  Einzelthema  der  Verschiebungen  in  den
Finanzverhältnissen  zu  beschränken,  sondern  sie  nach  zwei  Seiten  hin
auszudehnen:  auf  die  Frage  der  internationalen  Wettbewerbsfähigkeit
vom  privatwirtschastlichen  und  vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkt  aus.
Beides  ist  wesentlich  verschieden,  beides  aber  für  die  staatliche  Wirtschaftsund
  Sozialpolitik  von  größter  Bedeutung.  Unsere  Unternehmer  und  ihre
Jnteressenvertreter  Pflegen  meist  alle  sozialen  Aufwendungen  nur  auf  der
Passivseite  zu  buchen.  Sie  sehen  in  der  sozialen  Versicherung  nur  eine
Belastung,  eine  Verteuerung  der  Produktion,  eine  Erschwerung  des  Wettbewerbs. ­
  Sie  berücksichtigen  nicht  die  Gegenseite,  die  Steigerung  der
Leistungen,  die  Entlastung  der  Armenpflege  und  der  Fürsorgetätigkeit.
Vom  Standpunkte  der  Vergangenheit  hatte  diese  Arbeitgeberansicht  eine
gewisse  Berechtigung,  denn  die  rasche  Zunahme  des  deutschen  Volkes,  die
Abwanderung  vom  Osten  nach  den  Großstädten  und  Jndustrieplätzen,
die  Jugend  unserer  großindustriellen  Entwicklung  erlaubte  es  den  Arbeitgebern, ­
  rücksichtslos  die  Arbeitskräfte  aufzubrauchen,  den  abgearbeiteten
durch  eine  frische  Kraft  zu  ersetzen,  also  nur  die  Gunst  der  rechtlichen
und  tatsächlichen  Zustände  auszunutzen,  die  ungünstigen  Folgen  aber
auf  andere  abzuschieben.  Diese  günstige  Lage-  würde  sich  auf  die  Dauer
nicht  behaupten  lassen.  Von  allen  politischen  Erwägungen  und  Vorgängen ­
  abgesehen,  schon  deswegen  nicht,  weil  der  Zugang  an  frischen
Arbeitskräften  allmählich  geringer  wird  und  weil  in  der  zweiten  Generation ­
  sich  die  verderblichen  Folgen  eines  Raubbaus  an  der  menschlichen
Arbeitskraft  sicher  zeigen  müssen.  Diesen  rechtzeitig  vorzubeugen,  ist
soziale  Notwendigkeit.  Der  Zusammenhang  zwischen  sozialer  Versicherung
mit  ihrer  Gesundheitspflege  und  der  wirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit  des
Volkes  ist  leider  noch  weniger  erforscht  als  der  Zusammenhang  zwischen
Arbeiterschutz  und  Arbeitsleistung.  Aber  es  ist  unzweifelhaft,  daß  weitgehende ­
  Aufwendungen  im  Sinne  unserer  sozialen  Versicherungsgesetze  sich
volkswirtschaftlich  bezahlt  machen,  und  daß  Graf  Posadowsky  mit  seinem
Rcichstagsworte  von  1906  Recht  hat,  daß  wir  ohne  unsere  soziale  Gesetz,
gebung  nicht  eine  so  hochstehende  Arbeiterschaft  hätten  und  ohne  diese
die  deutsche  Industrie  ihren  Platz  in  der  Welt  weder  erringen,  noch  behaupten ­
  könnte.
Diese  volkswirtschaftlichen  Gesichtspunkte  müssen  auch  bei  einem
vom  deutschen  Handelstage  bei  der  Reichsregierung  beantragten  und  von
            
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