Full text : Grundfragen der englischen Volkswirtschaft

Das  englische  Agrarwesen.

7

zum  Ankauf  teurerer  Konsumartikel,  wie  Fleisch,  Butter,  Milch,  Eier,
verwenden,  die  früher  als  Luxus  gegolten  hatten.  Allerdings  wird
neuerdings  ein  großer  Teil  des  englischen  Fleischkonsums  ebenso  wie
des  Getreidebedarfs  durch  überseeischen  Import,  durch  die  Einführung ­
  von  Gefrierfleisch,  gedeckt.  Dieses  Gefrierfleisch  stellt  aber
immerhin  eine  mindere  Qualität  und  eine  Bedarfsdeckung  nur  für  die
ärmeren  Volksklassen  dar.  Das  einheimische  frische  Fleisch  erleidet
hierdurch  keine  Konkurrenz,  denn  es  erzielt  auf  dem  Markt  viel
höhere  Preise  und  hat  ein  breites,  kauffähiges  Publikum.
Jedenfalls  also,  was  der  Getreidebau  verlor,  gewann  die  Viehzucht,
die  Weide.  Mit  dieser  Änderung  der  Wirtschaftsrichtung  war  notwendig ­
  eine  gewisse  Verödung  des  Landschaftsbildes  verknüpft,
denn  die  intensive  Viehzucht  braucht  weniger  Leute  als  der  intensive ­
  Ackerbau.  Ein  großer  Teil  der  Landarbeiter  wurde  überflüssig
und  verschwand.  Aus  diesem  starken  Rückgang  der  landwirtschaftlichen ­
  Bevölkerung  haben  nun  viele  Schriftsteller  etwas  voreilig  geschlossen, ­
  die  englische  Landwirtschaft  sei  ruiniert  und  habe  den
Boden  als  unlohnend  liegen  gelassen.  Nichts  ist  falscher  als  das.
Es  liegt  dieser  Annahme  die  irrige  Auffassung  zugrunde,  intensiv
sei  nur  ein  Landwirtschaftsbetrieb,  wo  auf  die  Fläche  möglichst  viel
Handarbeit  verwendet  würde,  etwa  nach  Art  der  chinesischen
Spatenkultur,  wo  also  das  Landschaftsbild  von  Menschen  wimmelt.
Dies  ist  aber  nur  e  i  n  e~Art  der  Intensität,  die  sogenannte  Arbeitsintensität. ­
  Neben  dem  Produktionsfaktor  Arbeit  gibt  es  aber  in  der
Landwirtschaft  bekanntlich  noch  einen  anderen  Produktionsfaktor,
der  gerade  in  den  westeuropäischen  Industriestaaten  wachsende  Bedeutung ­
  gewonnen  hat,  das  ist  der  Faktor  Kapital.  Unter  besonders ­
  günstigen  Umständen  können  Arbeit  und  Kapital  gleich  intensiv
auf  den  Boden  verwandt  werden,  dann  ist  die  Wirtschaft  arbeitsu
  n  d  kapitalintensiv,  häufiger  aber  wird  es  nur  möglich  sein,  einen
von  beiden  Faktoren,  den  am  reichlichsten  und  billigsten  vorhandenen, ­
  anzuwenden,  dann  tritt  eine  Dissoziation  ein,  und  die  Wirtschaft
ist  entweder  nur  arbeits-  oder  nur  kapitalintensiv.
Für  diesen  letzteren  Fall  bietet  gerade  die  englische  Landwirtschaft
ein  klassisches  Beispiel.  Seine  besonders  im  regenreichen  Westen  gelegenen, ­
  rein  auf  Erzeugung  von  Vieh  gerichteten  Weidewirtschaften, ­
  die  hohe  Werte  repräsentieren  und  hervorbringen,  sind  typisch
kapitalintensiv;  sie  sind  ganz  auf  die  Produktion  von  Qualitätsware
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.