Full text : Grundfragen der englischen Volkswirtschaft

142

Dr.  M.  J.  Bonn.

sellschaftsordnung  zu  übermitteln,  unter  der  der  Weiße  selbst  gedeiht, ­
  und  die  er  einzig  und  allein  für  gedeihlich  hält.  Die  weniger
ethisch  gestimmten  Mitglieder  der  herrschenden  Rasse  nehmen  aber
weder  in  der  Praxis  noch  in  der  Theorie  einen  solchen  Standpunkt
ein.  «Das  Volk  wird  nicht  dulden,  daß  Gleichheit  zwischen  Schwarzen ­
  und  Weißen  besteht,»  sagt  das  Grundgesetz  der  südafrikanischen
Republik  ohne  weitere  Umschweife.  Man  begnügt  sich  überdies  nicht
mit  dieser,  ein  für  allemal  festgelegten  natürlichen  Überlegenheit.
Es  werden  Bestimmungen  erlassen,  die  nicht  nur  eine  Vermischung
mit  den  Eingeborenen  verhindern  sollen,  sondern  auch  deren  Erziehung ­
  erschweren,  ihnen  den  Zugang  zu  den  gelernten  Berufen
verschließen  oder  ihnen  den  Erwerb  von  Grundbesitz  verbieten,  damit ­
  man  sie  dauernd  als  unterworfene  Bevölkerung  behandeln  kann.
So  ist  ihnen  z.  B.  in  Deutsch-Siidwestafrika  das  Halten  von  Großvieh ­
  verboten  worden,  nicht  etwa,  weil  man  Nomaden  zur  Aufgabe
der  Weidewirtschaft  zwingen  wollte,  sondern  weil  man  die  billige
Konkurrenz  der  Eingeborenen  fürchtete  und  sie  ausschließlich  auf
die  Lohnarbeit  im  Dienste  weißer  Farmer  zu  verweisen  bestrebt  war.
Der  Gedanke,  daß  die  Herrschaft  des  Weißen  dazu  dienen  soll,  den
Eingeborenen  möglichst  zu  heben,  tritt  in  dieser  Form  des  Imperialismus ­
  stark  zurück.  Soweit  neben  der  bloßen  Ausnützung  überhaupt ­
  noch  sittliche  Gesichtspunkte  maßgebend  sind,  beschränken
sie  sich  auf  die  Pflicht  des  Kolonisten,  den  Eingeborenen,  der  zum
Dienen  geboren  ist,  als  Knecht  gut  zu  behandeln,  aber  nicht  an  seiner
Hebung  zu  arbeiten.  Die  nationale  Mission  des  Imperialismus,  die
den  Eingeborenen  mit  Gewalt  zu  einem  «farbigen  Europäer»  machen
wollte,  ist  zu  Ende;  seine  Aufgabe  ist  jetzt,  dessen  Europäisierung
möglichst  zu  verhindern.  Dieser  Imperialismus  wird  von  der  Mehrzahl ­
  der  ortsansässigen  Kolonisten  vertreten,  die  ihn  nicht  nur  in
ihrem  Gebiete  aufrechterhalten  möchten,  sondern  über  dessen  Grenzen ­
  tragen  wollen,  getrieben  durch  Bedarf  an  Land  und  an  eingeborenen ­
  Arbeitskräften.  Sie  betrachten  sich  dabei  als  Vertreter
des  mutterländischen  Volkstums,  abgesehen  von  den  nicht  eben
seltenen  Augenblicken,  wo  das  Mutterland  zugunsten  der  Eingeborenen ­
  einzuschreiten  versucht  und  das  Ideal  der  «Nationalisierung» ­
  durch  allmähliche  Gleichstellung  der  Eingeborenen,  also  wie
z.  B.  in  der  Kapkolonie  durch  Gewährung  des  Wahlrechts,  durchsetzen ­
  will.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.