Full text : Grundfragen der englischen Volkswirtschaft

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Dr.  M.  J.  Bonn.

Aber  alles  das  ist  nur  bedingt  eigenartig;  es  sind  Ziele,  die  sich
vergangene  Zeiten  in  ähnlicher  Weise  gesetzt  haben.  Man  hat  daher
den  modernen  Imperialismus  in  diesem  Sinne  des  Wortes  häufig  mit
dem  Imperialismus  vergangener  Zeiten  verglichen,  —  vor  allem  mit
dem  römischen.  Man  hat  ausgeführt,  daß  dieser  römische  Imperialismus, ­
  obwohl  er  nicht  mit  modernen  Hilfsmitteln  gearbeitet  habe,
viel  erfolgreicher  gewesen  sei  als  der  Imperialismus  der  Gegenwart.
Rom  habe  die  unterworfenen  Provinzen  ausgebeutet  und  im  Gegensatz ­
  zu  modernen  Eroberern  zu  Tributen  angehalten;  es  habe  ihre
Bewohner  dafür  zu  römischen  Bürgern  gemacht  und  ihnen  die
mutterländische  Kultur  so  erfolgreich  vermittelt,  daß  die  besiegten
Barbaren  in  späteren  Jahrhunderten  zu  vollwertigen  Trägern  römischer ­
  Kultur  geworden  seien.  Ähnliche  Erfolge  habe  der  moderne
Imperialismus  nicht  aufzuweisen,  es  sei  wenig  wahrscheinlich,  daß
z.  B.  die  eingeborene  Bevölkerung  Ägyptens  und  Indiens  eine  ähnliche ­
  Stellung  in  der  angelsächsischen  Welt  einnehmen  werde,  wie
es  Spanien  und  Nordafrika  in  der  römischen  getan  haben.
Eine  solche  Auffassung  sieht  bewußt  oder  unbewußt  im  Imperialismus ­
  nur  das  nationalistische  Moment,  dem  er  zweifelsohne  ein  gutes
Teil  seiner  ursprünglichen  Spannkraft  verdankt.  Sie  mißt  seine  Erfolge ­
  an  dem  Grade,  in  dem  es  ihm  geglückt  ist,  fremde  Zivilisationen ­
  seinen  Ideen  anzupassen  und  die  Eigenart  fremder  beherrschter ­
  Nationen  auszulöschen.  Von  diesem  Standpunkt  aus  betrachtet
ist  der  moderne  Imperialismus  nirgends  wirklich  erfolgreich  gewesen.
Er  hat  wohl  in  weite  Teile  der  Welt  die  Einrichtungen  der  Muttervölker ­
  hinausgetragen;  aber  er  hat  nirgends  die  Gleichförmigkeit
erreicht,  die  er  ursprünglich  wohl  erstrebte.  Er  hat  weder  volksfremde ­
  europäische  Völker  zu  entnationalisieren  vermocht,  noch
ist  er  imstande  gewesen,  die  Eingeborenen  zu  europäisieren;  er  hat
nicht  einmal  verhindern  können,  daß  Tochtervölker,  die  verhältnismäßig ­
  unvermischt  geblieben  sind,  einen  eigenartigen,  vom  Muttervolke ­
  verschiedenen  Nationalcharakter  entwickelten.
Gerade  in  dieser  scheinbaren  Schwäche  liegt  indes  die  eigenartige
Bedeutung  des  modernen  Imperialismus.  Seine  Vertreter  haben  die
Unmöglichkeit  erkannt,  stammverwandte  Völker  in  der  Entwicklung
eines  eigenen  Nationalcharakters  aufzuhalten  und  stammfremde
Völker  zum  Aufgeben  ihrer  volkstümlichen  Eigenarten  zu  zwingen.
Sie  haben  daher  mit  vollem  Bewußtsein  eine  Politik  aufgegeben,  die
            
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