Object: L' Allemagne économique ou histoire du Zollverein Allemand

Neue Gesellschaft, nenes Seelenleben. 207 
meisten Landschaften und Städte, in denen man auf „Ge— 
schmack“ hielt, ihre poetischen Blumenlesen. Viele von ihnen 
standen freilich auf sehr niedriger Stufe, und nicht wenige 
gingen nach kurzem Bestehen wieder ein. Und auch solchen 
von höchster Bedeutung ist das zugestoßen; so ist Schiller nicht 
bloß mit dem schwäbischen Musenalmanach seiner Jugendzeit 
gescheitert, auch für seine Horen (1795), das Organ des weima— 
rischen Idealismus, fand sich nicht die genügende Zahl von 
Abnehmern. Im ganzen wünschte man eben, und bei zu— 
nehmender Verbreitung der Bildung in minder hochstehende 
Schichten um so mehr, auch Hausmannskost, der deshalb Pfeffer 
und andere starke Gewürze keineswegs fehlten. Die Leih— 
bibliotheken, die namentlich gegen Schluß des Jahrhunderts 
zugenommen zu haben scheinen, geben in ihren Katalogen von 
dieser Wandlung beredte Kunde. Von Leipzig hören wir, daß 
es um diese Zeit zwei sehr große von 6—8000 Bänden gab, 
die dem Publikum alle neuen und die besten älteren Schriften, 
Romane, Schauspiele, historische, philosophische, moralische, 
sogar theologische Werke darboten, nebst allen Journalen, „mit 
denen unser wertes Vaterland zum großen Nutzen der Wissen⸗ 
schaften gesegnet ist.. Dabei liest man nicht, wie zum Teil 
in kleineren Orten, nur Liebes- und Helden-, Diebes- und 
Mordgeschichten, Faßmanns Totengespräche und, wenn's hoch 
kommt, Siegwart, Burgheim und Konsorten. Freilich werden 
auch empfindsame Romane die Hülle und die Fülle ver— 
schlungen, freilich diese und Schauspiele und kleine tändelnde 
Gedichte mehr als ernstere Schriften gelesen: aber doch kann 
man auch Mendelssohn und Spalding und Robertson und 
hundert der besten Schriftsteller in den Händen sogar der Damen 
erblicken. 
Neben dem philosophischen und schöngeistigen Interesse 
aber erwuchs seit den sechziger Jahren immer mehr auch ein 
weiteres, so recht der allgemeinen Bildung angehöriges, das 
nun noch mehr, als Dichtung und Weltanschauung, von der 
enzyklopädischen Stufe der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
zu praktischer Betätigung hinüberführte: das humanitäre, soziale,
	        
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