Wie die Schiffahrt großer Länder durch den Aufbau in dieser
Hinsicht benachteiligt, bezw. begünstigt werden kann, zeigt auch ein
Vergleich der schiffbaren Strecken untereinander. Hier bedient
man sich zur Beurteilung der geographischen Ein
wirkungen auf den Binnenwasserverkehr am besten
eines Maßstabes, der das Verhältnis der für Dampfer
fahrbaren Strecken zu den überhaupt benutzbaren
Wasserstraßen längen wiedergibt.
Bei einer Anwendung dieses Vergleichs finden wir z. B., daß von
allen für Güterbewegung (einschließlich der Flößerei) geeigneten
Binnenwasserstraßen im Jahre 1895 in Oesterreich für Dampfer nur
20 vom Hundert fahrbar waren, während von den Wasserstraßen der
ungarischen Hälfte der Doppelmonarchie nicht weniger als 62 vom
Hundert der Gesamtlänge für von Maschinen getriebene Fahrzeuge
benutzt werden konnten.
Hier tritt nun ein sehr wesentlicher Unterschied gegenüber den
Verkehrswegen des Festlandes zutage, der in der andersgearteten Be
schaffenheit des Mediums der Bewegung beruht. Während wir in
denWegen des Festlandes starre Medien erkennen, die
von sich aus bei gleichen Lasten nur sich gleich
bleibende Beschleunigungen oder Verzögerungen der
bewegten Fahrzeuge hervorrufen, wie sie etwa in An
oder Abstieg oder in den Kurven gegeben sind, ist es
beim Wasser schon nicht mehr möglich, mit sichgleich-
bleibenden Aenderungen der Fahrzeit durch das Ge
fälle zu rechnen. Je nach dem Wasserstande ist viel
mehr die Gefällewirkung auch bei gleichen Lasten und
Triebkräften eine verschiedene; damit verliert aber
der Verkehr zu Wasser selbst auf den Binnenwasser
wegen einen Teil der im Innehalten derTransportdauer
beruhenden Zuverlässigkeit, die den Landverkehr vor
allen anderen Bewegungsarten auszeichnet.
Die Wirkungen des Gefälles zeigen sich aber auch bei geringeren
Graden in einer Verzögerung der Bergfahrt, die selbst bei langsamer
» fließenden Strömen einen weit größeren Kraftaufwand voraussetzt als
die Fahrt in der Talrichtung. Indessen sind die neuzeitigen Dampfer
maschinen imstande, ein ziemlich starkes Gefälle zu überwinden,
während die heutige Technik die Schiffahrt in die Lage versetzt hat,
auch sehr stark abfallende Stromrinnen wie diejenige des Neckar
zwischen Mannheim und Heilbronn mit Hilfe eigenartiger Vorrich
tungen zu überwinden. Von dem größten Teil der heutigen Ströme
in den Kulturländern gilt daher, daß die im orographischen Bau
liegenden Hindernisse im Mittel- und Unterlauf leichter überwindbar
sind als die im Klima liegenden, die in der Tat die Verkehrsbedeutung
einer Reihe von Strömen trotz günstiger Gefälleverhältnisse stark
herabzudrücken vermögen.
Diese periodisch oder unperiodisch eintretenden Störungen und
Hemmungen der Flußschiffahrt sind es, die unsere Aufmerksamkeit
I neben dem Geländebau ganz erheblich in Anspruch nehmen. Sie
treten in zweierlei Form auf. Einmal sind es die Störungen durch
das Eis, bei denen nicht nur der in Mittel- und Westeuropa seltenere
völlige Verschluß der Ströme durch Zufrieren, sondern auch die Lahm
legung des Verkehrs durch den Eisgang eine große Rolle spielt.
Dove, Allgemeine Wirtschaftsgeographie. 3
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