Die Arbeiterfrage in England.
59
Wirtschaftsordnung erkämpfen, sondern man sieht alle die erwähnten
Forderungen lediglich als ein Mittel an, um das Unternehmertum
so schnell als möglich zu einem Aufgeben seiner beherrschenden
Position im Wirtschaftsleben zu zwingen und, sozialistischen
Gedankengängen folgend, der Arbeiterschaft die Übernahme
der Produktionsmittel in eigener Regie zu ermöglichen. Die radikalsten
Kreise haben sogar begonnen, die Lehren des französischen
Syndikalismus, von denen man bis zum Jahre 1910/1911 in England
kaum den Namen kannte, in sich aufzunehmen. Seit zwei Jahren
erscheint der Name Syndikalismus wie ein unheimliches Zauberwort
in allen Diskussionen über die Arbeiterfrage. Man geht sogar
so weit, in England, dem klassischen Lande des Parlamentarismus,
auf die parlamentarische Wirksamkeit verzichten zu wollen zugunsten
der «action directe», d. h. des stärksten Druckes der Arbeiterschaft
mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln auf den einzelnen Unternehmer
oder auf das Unternehmertum in seiner Gesamtheit. Es
sind dies allerdings nur die Meinungen der Extremen, denen es aber
anscheinend gelingt, auch einen großen Teil der gemäßigten
Arbeiterschaft auf ihre Seite zu ziehen, welche letztere jedenfalls
auch entschlossen ist, mit allen Mitteln, politischen und wirtschaftlichen,
eine weitgehende Minderung des Unternehmergewinnes und
des kapitalistischen Rentenbezuges zugunsten der Arbeiterschaft
anzubahnen. Die alten und die neuen Gewerkvereine haben sich freigemacht
von jeglichem Individualismus; sie fordern: Wachsenden
Anteil der Arbeiter am Produktionsertrage mit dem Ziel der
Übernahme der Produktion zugunsten der Allgemeinheit.
Den Weg dazu sehen sie in der Verstaatlichung zunächst der Transportmittel
(Eisenbahnen), der Kohlengruben, des Grund und Bodens
und in der schon erwähnten Einführung des «Living Wage». Es
handelt sich also in der heutigen Krisis, wie schon gesagt, nicht mehr
um bessere Stellung auf dem Boden der bestehenden, sondern um
Herbeiführung einer neuen Wirtschaftsordnung.
Diesen Forderungen gegenüber ist die öffentliche Meinung gespalten.
Der rechte Flügel des Bürgertums wird immer stärker in
eine arbeiterfeindliche Position hineingedrängt und sieht die Maßnahmen
der liberalen Regierung als sozialistisch und gefährlich an.
Der andere Teil, vor allem der linke Flügel der liberalen Partei,
hat seine Stellungnahme vor einiger Zeit vielleicht am deutlichsten