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Drittes Buch. Der Liberalismus.
„Nachfrage“ die Anzahl der Arbeiter, die eine Anstellung suchen 1 ).
Dieses Gesetz war schon von Cobden in volkstümlicher Art ausgedrückt
worden, als er sagte, daß der Lohn steigt, wenn zwei Arbeitgeber einem
Arbeiter nachlaufen, und daß er sinkt, wenn zwei Arbeiter einem Arbeit
geber nachlaufen.
Der natürliche oder notwendige Lohn wird auf die Dauer von
den Produktionskosten der Arbeitskraft bestimmt, nämlich von den
Kosten der Lebenshaltung des Arbeiters. Der Marktlohn strebt in seinen
Schwankungen stets darauf hin, sich nach ihm zu regeln.
Dieses Gesetz verdiente durchaus den Namen des ehernen Lohn
gesetzes, mit dem Lassalle es später brandmarkte. Denn auf diese
Weise wurde der Lohn von Ursachen abhängig gemacht, die außerhalb
des möglichen Einflusses des Arbeiters standen, und die ohne jeden Zu
sammenhang mit ihm selbst, mit seiner Arbeit oder seinem guten Willen
blieben. Er war einem verhängnisvollen Gesetz ausgeliefert, dem er ebenso
passiv gegenüberstand, wie ein Baumwollenballen seinem Marktpreis.
Das ist aber nicht Alles! Nicht nur hängt der Lohn nicht von dem Arbeiter
ab, sondern auch keine gesetzliche oder private Einmischung, keine Ein
richtung, kein System kann an diesem Zustand etwas ändern — ausge
nommen man kann eine der beiden bestimmenden Grundlagen des Ver
hältnisses beeinflussen, nämlich entweder die Menge des für den Lohn
verfügbaren Kapitals (den Lohnfonds) oder die Zahl der Arbeit suchenden
Bevölkerung. „Jeder Verbesserungsplan, der nicht auf diesem Prinzip
beruht, führt zu einer Enttäuschung.“ Aber hiermit noch nicht genug!
Die Ursachen, die die beiden bestimmenden Grundlagen des Verhältnisses
günstig beeinflussen könnten, können, was das Wachstum des Kapitals
anlangt, nur die Spartätigkeit, und was die Verminderung der Arbeits
kräfte anlangt, nur die Einschränkung des Geschlechtstriebes sein. Das
sind zu guter Letzt die beiden einzigen Möglichkeiten zur Rettung der
Lohnempfänger: die erste steht aber vollständig außerhalb ihrer Macht 2 ),
und die zweite überliefert dem Zölibat oder dem Onanismus alle diejenigen,
J ) „Die Löhne hängen von dem Verhältnis zwischen Bevölkerung und Kapital
ab. Unter Bevölkerung ist die Klasse der Arbeiter und noch genauer die der Lohn
empfänger zu verstehen, unter Kapital lediglich das für den Ankauf von Arbeit an
gelegte Kapital ... Es muß nicht nur gesagt werden, daß der Lohn von dem Verhältnis
zwischen der Bevölkerung und dem Kapital in dieser Bedeutung abhängt, sondern
auch, daß er unter der Herrschaft der Konkurrenz von keiner anderen Ursache ver
ändert werden kann.“ (Principles, Book, II, Ch. 1, § 1).
2 ) Das Sparen zur Vergrößerung des „Lohnfonds“ ist nur den Reichen möglich,
daher empfiehlt es ihnen Stuart Mill mit dem gleichen Nachdrucke, mit dem er de
Arbeitern Zurückhaltung im Eingehen einer Ehe nahelegt. Er bemüht sich, in übriger^
dunklen und schwerfälligen Ausführungen nachzuweisen, daß: „man den Arbeiten e
nicht nützt, weil man selbst verbraucht, sondern weil man denVerbrauch bei Ander
fördert“, womit gesagt sein soll: nicht durch die Ausgabe, sondern durch das Spare