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Großstadt-Dokumente Bd. 8. Berliner Banken.
dem Beamten der vom Vater geführten Bank die Hand
zum Ehebunde reichte? Die sind nicht ebenbürtig, unter
ihnen wählt man erst gar nicht.
Voller Neid blicken unsere Kaufleute und Industriellen
über den Kanal und übers große Wasser. Dort regiert
das industrielle und kommerzielle Kapital. Ideal sind
auch dort die Zustände freilich ganz und gar nicht. Aber
vom Standpunkt des Kaufmannes und Fabrikherrn aus
gesehen, ist's ein Dorado. Dort hat eben das Bürgertum
Klassenbewußtsein. In England hat die Handelsschast
die Lordschast, insoweit diese nicht überhaupt aus nobili-
tierten Kaufleuten besteht, sich assimiliert. Nicht eininal
Milchläden und Putzwerkstätten zu besitzen, ist 8hocking
for ladies and gentlemen. Und wenn in Amerika die
Damen der ftinften Avenue sich einen Lord, Herzog,
Prinzen oder Grasen kaufen wollen, so zahlt der Herr
Papa für diese Passion genau so ein Sümmchen, wie er
mrdere Wüilsche der Tochter mit Gold befriedigen würde.
Für jeden Freiherrn aber eine Mitgift zu opfern, fällt
dem Amerikaner gar nicht ein. Die Negel ist vielmehr,
daß die Tochter sich nach der Golddecke des Mannes
streckt, nicht daß der Mann mit den schwiegerväterlichen
Dollarnoten sich das Faulbett polstert.
Zn Deutschland aber scharren die Reichen Reichtum
zu Reichtum. Und schließlich — spätestens in der dritten
Generation — wandelt sich das Handelskapital in Feu
dalvermögen. Die Töchter tragen es fort, die Söhne
bleiben im besten Fall Nutznießer, Arbeiter im väterlichen
Werk sind sie selten, Mehrer des Ererbten fast nie.
Wenn es einmal anders ist, wie bei den Rothschllds und
Mendelssohns, so wird das angestaunt wie ein Rudiment,
das aus guter alter Zeit zu uns hineinragt.
Uns fehlt kaufmännischer Nachwuchs! Die Klage
hört man in einem fort. Man gründet Handelsakade-