Full text: Der Handelskrieg von England, Frankreich und Italien gegen Deutschland und Österreich-Ungarn

  
    
  
  
   
  
   
   
   
  
   
   
  
  
   
   
    
  
  
   
  
  
  
  
   
  
6. Kapitel. Verschärfte Maßnahmen geg. deutsche u. österr.-ungarische Privatrechte. 105 
  
  
fallen, bei den neuen Bundesgenossen dafür Esatz zu finden, da mehrere derselben in den 
gleichen Ausfuhrartikeln konkurrieren, 
Der Kriegsberichterstatter des „Bund“, Stegemann, äußert sich am 20. Juli 1916 
in bezug auf die möglichen Folgen einer Kriegserklärung in militärischer Hinsicht: 
„Der offene Kriegszustand zwischen Deutschland. und Italien würde eine Er- 
schwerung der militärischen Lage Italiens bedeuten, da selbst ein geringer deutscher 
Krafteinsatz an der Südfront das Gleichgewicht der Kräfte zu Ungunsten Italiens auf- 
heben könnte“‘. 
Der „Neuen Züricher Zeitung“ schrieb ein Angehöriger der Zentralmächte: 
„Von der italienischen Gesamtausfuhrziffer von 2511 Millionen Lire (1913) gingen 
für 315,2 Millionen Lire Waren nach Österreich-Ungarn und. der Türkei. Bei der Situation, 
die sich durch den Krieg zwischen Italien und der Donaumonarchie herausgebildet hat, 
ist wohl anzunehmen, daß letztere auch nach dem Krieg der Eintuhr italienischer Produkte 
den Eintritt verwehren wird, um so mehr, als das eigene Gebiet gleiche oder ‚ähnliche 
Produkte hervorbringt. Die Türkei ist zurzeit in einer so großen wirtschaftlichen Um- 
wälzung unter reichsdeutscher Leitung begriffen, daß auch auf diesen Export italienischer- 
seits voraussichtlich verzichtet werden muß. Der Export nach Serbien und anderen 
Gebieten, deren künftiges Schicksal vom Ausgang des Krieges abhängt, ist ebenfalls fraglich, 
Solchen Verlusten steht für den Export Italiens keine Gewinnaussicht gegenüber, 
besonders da Frankreich dieselben Produkte wie Italien hervorbringt und daher jeden 
Versuch einer erhöhten italienischen Exporttätigkeit unter dem Gesichtswinkel der 
Konkurrenz betrachten muß. Angesichts dieser Lage versteht man, warum die italieni- 
schen Handelskreise hoffen, das politisch absolut abnormale Verhältnis zu Deutschland 
trotz den Zwischenfällen festzuhalten. Nach Deutschland exportierte Italien vor dem 
Krieg die Hauptmasse seiner Produkte, und zwar schon deshalb, weil deutsche und 
italienische Bodenprodukte in keiner Weise sich Konkurrenz bereiten. Daher war Deutsch- 
Jand für Italiens Weine, Öle, Seidenprodukte, Früchte und Agrumen das beste Absatz- 
gebiet. 
Bleibtnun der gegenwärtige Zustand bestehen, so hoffen die italienischen Wirtschafts- 
interessenten nach wie vor in Deutschland offene Türen zu finden, während nach einer 
formellen Kriegserklärung zu befürchten steht, daß Deutschland der italienischen Einfuhr 
einen Riegel vorschiebt. Ferner tritt noch ein weiterer wichtiger Grund hinzu. Die 
italienischen Industriellen haben ein nicht geringes Interesse daran, daß nach dem Kriege 
auch der deutsche Import nach Italien wieder aufgenommen. werde. Gewiß hat England 
und. Frankreich diesen Kreisen die Versicherung gegeben, daß sie jeden Ausfall des deut- 
schen Importes ersetzen werden, aber schon die Erfahrungen während der Kriegszeit sind 
nicht gerade ermutigend. England liefert zwar manches, aber ungleich teuerer!), vieles 
aber überhaupt nicht. Daher will ein großer Teil der italienischen Industriellen wiederum 
dem deutschen Import nach Italien ebenfalls die offene Türe erhalten. Auch diese Kreise 
fürchten, daß eine formelle Kriegserklärung jede Brücke zur Wiederanknüpfung der 
Beziehungen abbrechen werde, was für die junge Industrie Italiens recht unerfreuliche 
Konsequenzen haben würde. 
Solange der Krieg dauert, ist die Unterbindung der gegenseitigen Beziehungen nicht 
fühlbar. Die Heeresverwaltung bedarf für die zwei Millionen Truppen, die Italien unter 
den Waffen hält, gar viel von den Landesprodukten, die sonst den Weg über die Alpen 
nahmen, und die Industrie hat ihre gewohnte Arbeit beiseite gelegt und fertigt statt 
deren jede Art von Munition. Wenn aber der Krieg beendet ist, so erfolgt die Frage, 
wohin mit den erstern und woher das Material für die letztere beschaffen. Gerade diese 
Erwägungen lassen uns erkennen, daß neben den Gefühlen des Volkes und den Wünschen 
1) Es war dies hauptsächlich mit Kohle der Fall, deren Frachtspesen auf das 
Zehnfache des Ansatzes zur Friedenszeit stiegen, 
  
 
	        
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