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IV. Teil. Die Pariser Wirtschaftskonferenz.
‚Liest man die Beschlüsse der Pariser Wirtschaftskonferenz aufmerksam durch,
so befestigt sich eine Überzeugung: die Verfasser der Vorschläge besitzen außerordentlich
geringe Kenntnis der wirklichen Verhältnisse. Oder sie stellen sich mit Absicht so, um
die Alliierten und die Neutralen zu bluffen. Im Ernste ist ja ein großer Teil der vorge-
schlagenen Maßnahmen kaum zu erörtern. Wir sehen dabei von den Beschlüssen. ab,
die während der Kriegsdauer durchgeführt werden sollen. Sie bedeuten nur eine Ver-
einheitlichung von Dingen, die ohnedies schon bestanden. Anders aber steht es mit den
Übergangsmaßnahmen für die Zeit des geschäftlichen, industriellen, landwirtschaftlichen
und maritimen Wiederaufbaues der alliierten Länder. Diese nehmen sich schon recht
töricht aus. Sogar mehr: sie lassen sich einfach nicht durchführen. Man will die Meist-
begünstigung den Zentralmächten für eine Anzahl von Jahren nicht zugestehen. Dafür
gedenkt man, sich selbst in diesem Zeitraum einander die weitestgehenden Absatzkompen-
sationen zu sichern. Es sollen die natürlichen Hilfsquellen vor allen anderen Ländern
bewahrt und eventuell feindliche Einfuhr besonders getroffen werden. So der Gedanke.
Im, Ziele ist man einig, nur das Wie überläßt man vorsichtigerweise den besonderen
künftigen Abmachungen der diplomatischen und volkswirtschaftlichen Delegierten.
Aber leider sind, diese „Übergangsmaßnahmen“ nicht zu verwirklichen. Denn um
überhaupt wirksam zu werden, um, auch nur in den allerersten Anfängen sich durchzu-
setzen, bedürfen sie einer langen Vorbereitung. Es müßte zum Beispiel in allen neutralen
Ländern eine Kontrolle der Herkunfts- und, Bezugsländer für die Einfuhr und Ausfuhr
festgelegt werden, was bei der Internationalität des Schiffsverkehres und, des Handels
enorme Schwierigkeiten bereiten müßte. Wer wäre zum Beispiel sicher, daß Spitzen aus
der Schweiz nicht deutschen Ursprungs wären oder daß in der belgischen Maschinenindustrie
nicht deutsches Fabrikat steckte?
Ähnliches gilt aber auch von den dauernden Maßnahmen für die gegenseitige
Hilfe und das Zusammenarbeiten unter den Alliierten. Man will sich von den feindlichen
Ländern unabhängig machen, soweit Rohstoffe und Fabrikate, finanzielle, geschäftliche
und maritime Organisationen in Betracht kommen. Es soll die Produktion innerhalb
ihrer Länder so erweitert werden, daß dieses Ziel ermöglicht wird. Man denkt an Ein-
richtung direkter und schneller Land- und Seetransporte, an die Verbesserung des Post-
und Telegraphenwesens, an die Subvention von technischen Unternehmungen und Er-
findungen, an die gegenseitige Anpassung der Gesetze über Patente, Ursprungszeichen und
Handelsmarken sowie über Urheberrechte an literarischen und künstlerischen Erzeugnissen:
immer in der Weise, daß die Alliierten sich dabei gegenseitig fördern und unterstützen,
die Zentralmächte aber davon ausschließen. Endlich denkt man zur Belebung und
Entwicklung nationaler Industrien und, Hilfsquellen an die Einführung von Zollabgaben
oder zeitweiligem Verbot von fremder Einfuhr. Man will in all diesen Dingen eine ge-
meinsame Wirtschaftspolitik oder doch wenigstens die Anpassung der Maßnahmen an die
jeweilige Wirtschaftspolitik der einzelnen Staaten der Entente.
Wie man erkennt, sind bisher alle diese Vorschläge außerordentlich, weit und un-
bestimmt gefaßt und entbehren durchaus der konkreten Formulierung wie der bestimmten
Direktiven. Das ist natürlich genug. Denn in Wirklichkeit besteht nun einmal keine ge-
meinsame Wirtschaftsfront der Alliierten, geschweige denn gemeinschaftliche Wirtschafts-
interessen. Hier stehen vielmehr die Interessen aller gegen alle. Es sind offenbar nur
improvisierte Nationalökonomen, die an die Lösung dieser unmöglichen Aufgabe heran-
traten: ernste Wirtschaftspolitiker könnten es nicht. Wie stand es denn bisher? Deutsch-
land hat als Land der Mitte, das es nun einmal aus rein geographischen Gründen darstellt,
zwei Fünftel seiner Einfuhr und fast drei Fünftel der Ausfuhr mit dem europäischen
Kontinent selbst ohne Vermittlung zur See. Denn in allen Handelsbeziehungen macht das
Moment der Nachbarschaft außerordentlich viel aus. Das gilt im fernen Osten, von
Japan und China, wie im Verhältnis von Kanada zur Union oder von Südwestafrika zu
Britisch-Afrika, wie in Europa selbst. Daher kommt es, daß Deutschlands Außenhandel