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Die Pariser Wirtschaftskonferenz. 123
ganz im Gegensatz zum englischen, der durchaus See- und Vermittlungshandel darstellt,
‚ein 80 stark kontinentales Gepräge trägt. Wie will man dieses ausschlaggebende Moment
auf der Gegenseite irgendwie erschüttern? Darum schon müssen die gegenseitigen
Bezüge und, Austauschverhältnisse zwischen Frankreich und Deutschland, wie zwischen
Deutschland und Rußland, wie zwischen Deutschland und Italien und der Schweiz sehr
enge bleiben, darum werden anderseits zwischen Frankreich und Rußland wie zwischen
Rußland und England die Beziehungen immer loser sein müssen.
Aber es kommt ein zweiter Umstand hinzu, der von ausschlaggebender Bedeutung
ist. Die Volkswirtschaften der Alliierten bilden untereinander keine Ergänzung, die
irgendwie ins Gewicht fiele. Das zeigt sich zunächst bezüglich Rußlands Ausfuhr.
Rußland hat darum von Anfang an dem, beabsichtigten Wirtschaftskampfe mit Deutsch-
land sehr skeptisch entgegengesehen. Die nationalistischen Kreise wollen zwar eine
Emanzipation vom westlichen Einfluß überhaupt. Aber sie wollen natürlich nicht hernach
die deutschen Kräfte mit englisch-französischen vertausehen, sondern erstreben eine
Nationalisierung der russischen Volkswirtschaft im ganzen. Nun erkennt man aber, daß
wenigstens einstweilen Deutschland ganz unentbehrlich ist. Rußland führte vor dem
Kriege für eine Milliarde Mark Nahrungsmittel und für eine halbe Milliarde Rohstoffe nach
Deutschland aus. Wir standen dabei vor allen andern Importländern weit voran, indem
wir etwa den dritten Teil der russischen Ausfuhr aufnahmen, England nur den fünften,
Frankreich gar nur den neunten. Der Grund ist, daß Deutschland, eben einen enormen
Bedarf an Gerste und Weizen, an Butter und Ölfrüchten, an Eiern, Geflügel und Hülsen-
früchten besitzt, daß wir aber auch in großer Menge Holz und Felle, Erze und Flachs ab-
nehmen. Welches andere Land, dürfte dafür einen Ersatz bieten? England? Das braucht
von diesen Dingen zum Teil weit weniger, weil ja seine Bevölkerung nur etwa zwei Drittel
der deutschen ausmacht. Teils gestaltet sich der Export dieser Dinge wegen der räumlichen
Getrenntheit weit unbequemer als mit dem Nachbarstaate Deutschland. Vor allem aber
müßte England, seine bisherigen Lieferanten Rußland zuliebe aufgeben. Das sind einmal
neutrale Länder, sodann die eigenen englischen Kolonien. Ist das im geringsten wahr-
scheinlich? England kann es ja nicht, wenn es nicht seine alten Handelsbeziehungen ver-
lieren will; seine Aufnahmefähigkeit selbst ist nur eine sehr beschränkte. Frankreich und
Italien haben aber für diese Waren des russischen Exports überhaupt keinen Bedarf, Es
soll zugegeben werden, daß auch Deutschland, diese russischen Bezüge nur ungern ent-
behren könnte und wir sie brauchen; am wenigsten noch Weizen, den wir eventuell aus
Argentinien und den Vereinigten Staaten beziehen, in weit höherem Maße Futtergerste,
animalische Lebensmittel und Holz. Aber auch Rußland ist unter allen Umständen auf
den deutschen Markt angewiesen, da die naive Meinung, es solle diese Rohstoffe und Nah-
rungsmittel bei sich selbst verarbeiten, ja wiederum nicht durchführbar ist. Es fehlen
dazu einfach alle Voraussetzungen.
Nicht anders steht es mit Italien. Wir beziehen von dort vor allem Seide, sodann
Südfrüchte, Hanf und manche Metalle. Auch hierfür würde das Land, das zur Aufrecht-
erhaltung seiner Handelsbilanz ganz auf die Ausfuhr der Produkte angewiesen ist, schwer
einen Ersatz finden. Dasselbe gilt von Frankreich, dem wir Seide und Häute, Weizen,
Obst und Blumen, Gewebe und, Konfektion im Betrage von einer halben Milliarde Mark
abnehmen. Manche von diesen Dingen könnten wir sehr wohl entbehren oder uns ander-
wärte verschaffen, wenn es schon zum Wirtschaftskampfe kommen sollte. Aber der
Handel ist notwendig immer ein gegenseitiger. Verwehren diese Länder unsere Einfuhr,
so verwehren wir ihre Ausfuhr oder können sie wegen mangelnder Gegenwerte überhaupt
gar nicht abnehmen. Wollen aber Frankreich und Italien im Ernste auf diese Ausfuhr
nach Deutschland, verzichten? Beide Länder können es nicht. In Italien ist darum von
vornherein die Stimmung für den gemeinsamen Wirtschaftsbund, sehr mäßig gewesen.
Italien bedarf auch nach dem Kriege Deutschland. und, seiner Bundesgenossen weiter,
wie e8 vor dem Kriege der Fall gewesen ist. Will man auf die eigene Ausfuhr