Die Pariser Wirtschaftskonferenz. 127
hüben und drüben nicht an warnenden Stimmen, doch ist ihre Zeit anscheinend noch
nicht gekommen. Erste Pflicht nach dem Kriege wird sein, die Verwüstungen wieder gut-
zumachen. Wer auf die ehrliche Zusammenarbeit ganz Europas hofft, verkennt allerdings
die Kräfte wirtschaftlicher, politischer und auch seelischer Natur, die im Wege stehen.
Unmittelbar nach Friedensschluß wird sich die Politik den Einflüssen des National-
hasses kaum entziehen können, und aus fiskalischen Rücksichten dürften Schutz-
zölle einer liberaleren Auffassung den Rang ablaufen. Jedes Land muß suchen, seinen
Wohlstand zu kräftigen und wirtschaftlichen Fragen seine ganze Aufmerksamkeit zu
widmen. Zollverbände sind daher wohl möglich, doch können dieselben nicht bloß durch
kriegspolitische Erwägungen geschaffen werden. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß
die heutigen Verbündeten die wirtschaftlichen Gegner von morgen sind und daß
aus Feinden wirtschaftliche Bundesganossen entstehen.‘
Die schärfste Äußerung in dieser Hinsicht stammt vom russischen
Finanzmann Krestovlikoff, Mitglied des Reichsrats und der Mos-
kauer Börse:
„Freund und Feind trachten unter günstigsten Bedingungen nach Rußland ein-
führen zu können; wir werden uns daher gegen Freund und Feind. verteidigen müssen.‘
Die „Petersburger Börsenzeitung“ sagt:
„Vom rein wirtschaftlichen Standpunkt betrachtet, besteht zwischen den Zielen
deutscher, französischer oder englischer Handelspolitik nicht der geringste Unterschied.‘“
Der „Nieuwe Rotterdamer Courant“ meint:
„Auch England dürfte sich überlegen, daß Deutschland sein bester Kunde war,
Gute Handelsbeziehungen vernichtet man nicht mutwillig, und deshalb wird die Wirklich-
keit über papierne Konferenzbeschlüsse hinweggehen.“
Das Haager „Vaderland“ schreibt:
„Während, der Krieg noch in vollem Gange ist, wird, sorgfältigst und systematisch
dafür gesorgt, das nötige Material zu schaffen, um in absehbarer Zeit einen neuen Krieg
aufflammen lassen. ‚Die Beschlüsse der Konferenz sind wenig dazu angetan, das Vertrauen
in die Zukunft zu verstärken.“
Der Haager „Nieuwe Courant“ äußert sich:
„Es scheint, als ob Blätter,, wie „Pall Mall Gazette“, „Evening Standard‘ und
„Globe“ die allereinfachsten wirtschaftlichen Grundsätze vergessen haben. Es ist voll-
kommen sinnlos, wenn „Evenin g Standard‘ den Gedanken ausspricht: „Wir wünschen
nicht, daß unsere großen Vorräte an Rohstoffen für deutsche Interessen verwendet werden.‘
Soll man diese Vorräte in das Wasser werfen? Die Verbündeten können sie nicht alle ver-
wenden, wenn auch die nationale Industrie sich noch so sehr ausdehnt. Und die Neu-
tralen? Diese haben doch nicht nötig, sich der künftigen Regelung des Tauschverkehrs
der Produkte zu unterwerfen, sondern sie werden die Märkte aufsuchen, die für sie am
vorteilhaftesten sind. Kein Staat an der Seite der Entente wird durch die Beschlüsse größeren
Schaden erleiden als Belgien; vernünftige Belgier haben bereits die große Gefahr erkannt,
die ihrem Lande droht. So hat die in London erscheinende „Ind6pendance Belge“
die Entente gewarnt; von belgischer Seite wurde dieser Tage im „Amsterdamer
Handelsblad‘ statistisch nachgewiesen, daß wirtschaftlicher Ausschluß der mittel-
europäischen Mächte nach dem Kriege für Belgien eine Katastrophe sein würde. Die
hoch entwickelte belgische Industrie kann nicht ohne Kohlen der westfälischen Gruben
bestehen. England ist nicht imstande, den Bedarf zu decken, während Frankreich selbst
20 Mill. t vom Ausland beziehen muß. Der Hafen von Antwerpen wird, bei Ausschließung
der Zentralmächte nahezu zum Stillstand kommen.“
„Nieuws van den Dag‘“ nennt die Beschlüsse eine wirtschaftliche Wahnsinnstat,
wodurch eine chinesische Mauer zwischen gebildeten Völkern aufgerichtet werden soll.
Für Belgien und andere Länder der Entente wäre es von enormem Schaden, sich von