128 IV, Teil. Die Pariser Wirtschaftskonferenz.
Deutschland abzuschließen. Ein wirtschaftlicher Krieg nach dem jetzigen Weltkrieg
würde den Selbstmord Europas bedeuten. Das Blatt glaubt aus den unbestimmten
zögernden Mitteilungen entnehmen zu können, daß man auch seitens der Entente die
Schwierigkeiten einsieht, und sich an die Durchführung der geplanten Maßregeln nicht
recht heranwagt.
Die „Neue Zürcher Zeitung“ schreibt:
»Zweifellos sind die Pariser Beschlüsse für die künftige Gestaltung des ökonomischen
Lebens und Stellung der Neutralen von größter Bedeutung. Aber die Resolutionen
brachten gegenüber der vorhergehenden Diskussion so wenig Neues und halten sich so sehr
in Allgemeinheiten, daß man wohl sieht, wie die Entente in dieser Angelegenheit noch
kaum über die ersten Anfänge hinausgelangt ist. Wie schwierig es halten wird, die ver-
schiedenen Ansichten unter einen Hut zu bringen, zeigen die Äußerungen einzelnerenglischer
Blätter, die als künftiges Prinzip der Entente-Zollunion den — Freihandel verkünden;
bisher hatte es doch geheißen, daß der gemeinsame Feind vor allem durch Vorzugszölle
innerhalb der Ententegruppe bekämpft werden müsse!“
Stimmen aus den Vereinigten Staaten:
Das „Journal of Commerce“ verurteilt die Bemühungen, Deutschland nach
Wiederherstellung des Friedens wirtschaftlich zu boykottieren und bezeichnet dies als
ebensc unvernünftig wie den den Zentralmächten zugeschriebenen Plan, sich ein wirt-
schaftlich selbstgenügendes Mitteleuropa zu gründen.
„Weder der Erfolg des einen noch des anderen Unternehmens ist möglich. Beide
entspringen mittelalterlicher Auffassung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den
Nationen der Welt. Die Alliierten mögen die deutschen Erzeugnisse boykottieren, aber
der übrige Teil der Erde wird sicherlich nicht aus irgendwelchen rein sentimentalen Grün-
den dasselbe tun. Erörterungen der Methoden der wirtschaftlichen Kinkreisung Deutsch-
lands haben indes das Bestehen scharfer Meinungsverschiedenheiten unter den Alliierten
enthüllt, Tatsache ist, daß je mehr Fragen besprochen werden, es um so deutlicher er-
scheint, daß die Alliierten sich selbst mehr schaden würden als Deutschland, wenn sie
versuchen wollten, seine wirtschaftliche Wiedererstarkung unmöglich zu machen.“
Auch „Sun“, „New York Times“ und „Evening Post“ sind über die Be-
schlüsse wenig erbaut. Sie billigen zwar die Politik, die die Alliierten während des Krieges
verfolgen wollen, sind, aber gegen Maßregeln, die man nach dem Kriege gegen den deutschen
Handel ergreifen will. Im allgemeinen betrachten %ie die Pläne der Alliierten als un-
wirtschaftlich und fürchten, daß der Krieg dadurch verlängert werde. Sie geben den
Alliierten den Rat, von derartigen Absichten gegen Deutschland abzusehen.
„The Americas“ der NationalCity Bank findet, daß die Entwicklung der wirt-
schaftlichen Verhältnisse ganz besonders vom Ausgang des Krieges abhängen wird,
Der entscheidende Sieg einer Partei würde die Fortsetzung des Wirtschaftskrieges unwahr-
Scheinlicher machen, als ein Remisfrieden. Die öffentliche Meinung in England,
die unbedingt die auf dem Handelsgebiete erfahrensten und. befähigsten Köpfe aufweist,
wird in den Entscheidungen eine ausschlaggebende Rolle spielen. Im Augenblick fehle
ihr jedoch die notwendige ruhige Überlegung, und die große Mehrzahl dürfte für
den Versuch einer Vernichtung des deutschen Handels stimmen, den sie eines unlauteren
Wettbewerbs beschuldigt. Vor allem würde man sich gegen den Einfluß deutschen
Kapitals in Großbritannien und seinen Kolonien verwahren,
Es ist anzunehmen, daß jede Maßregel aufs sorgfältigste erwogen wird, aber keines-
falls ist ausgeschlossen, daß man nicht zu einem System von Gesetzen, die fremden Firmen
Beschränkungen und. einer Kontrolle unterwerfen, kommt. Der wahrscheinlich engere
Zusammenschluß des gesamten britischen Reichs nach dem Kriege würde diesen Be-
schlüssen noch größere Bedeutung geben. Ein Ausschluß der Zentralmächte vom
Weltmarkt durch Gesetze oder Zolltarife dürfte für die Alliierten unmöglich sein, ohne ihre
Verbindungen mit den Neutralen und den Vereinigten Staaten zwecklos zu gefährden.