132
IV. Teil. Die Pariser Wirtschaftskonferen
Z.
So sind die italienischen Vermögensinteressen in Österreich-Ungarn bedeutend
größer als diejenigen der Österreicher in Italien. Auch die französischen Vermögen im
Deutschen Reich, namentlich in Elsaß-Lothringen, und in den vom deutschen Heer
besetzten französischen und belgischen Gebieten, sind weit größer als oft vermutet wird.
Sind doch in Elsaß-Lothringen 5000 Zwangsverwaltungen angeordnet worden.
Was die Maßnahmen betrifft, die von den Beschlüssen der Pariser
Wirtschaftskonferenz für die Zeit nach dem Krieg vorgesehen wurden,
so bestehen jetzt schon sehr große Meinungsverschiedenheiten im eigenen
Lager der Ententemächte. Rußland hat z. B. zufolge seiner Lage ganz
andere Interessen als die übrigen Ententeländer. Italien wird auf Deutsch-
land und Österreich als Absatzländer für viele Produkte, die es vor dem
Krieg in diesen Ländern absetzte, nicht verzichten wollen, da sich ein
anderes Absatzgebiet nicht findet. Ja selbst die englische Industrie
— denken wir nur an die Tuchindustrie — wird große bisherige Absatz-
gebiete nicht verlieren wollen. — Mögen jetzt während des Krieges die
Ententeländer auch ein gemeinsames großes Ziel haben und bei dieser
„union sacree“ die besonderen Handelsinteressen des einzelnen ver-
bündeten Landes in den Hintergrund treten, so liegt es doch in der
Natur des wirtschaftlichen Lebens, das sich nur in voller Freiheit richtig
fortentwickeln kann, daß zur Friedenszeit nach dem Krieg die einzelnen
Staaten wieder ihre eigenen Wege gehen und mit „Sacro egoismo“ in
erster Linie an das Interesse des eigenen Landes denken, wobei keines-
wegs der Gedanke leitend sein darf, das andere Land und dessen An-
gehörige wirtschaftlich zugrunde zu richten. Der Fortschritt der Mensch-
heit wird auch in Zukunft auf der gegenseitigen Achtung und Wert-
Schätzung der besonderen Eigenart der einzelnen Rassen und Individuen
aufgebaut sein. Alle haben ihre Vor- und Nachteile. Ein jeder kann
vom andern lernen. Wäre der Krieg nicht noch weit schrecklicher,
wenn nicht allen Verwundeten die reichen Hilfsmittel der Wissenschaft
und Technik zur Verfügung ständen, wer immer sie num entdeckt oder
erfunden haben mag? Es sei hier ganz besonders der antiseptischen
Wundbehandlung des Engländers Lister und der Körperdurchleuchtung
gedacht, die wir dem Deutschen Röntgen verdanken.
Lujo Brentano äußert sich!) über den Wirtschaftskrieg dahin:
„Wie soll man es nennen, wenn europäische Völker, die noch inmitten aller
Schrecken des Weltkrieges stehen, statt darauf aus zu sein, sich durch eine auf fried-
licher Arbeitsteilung beruhende Ordnung der internationalen Handelsbeziehungen für
ihre Arbeitsleistungen den größten Entgelt und für ihr Kapital den größten Gewinn
und damit den möglichst raschen Ersatz der erlittenen Schäden zu sichern, schon, wie
auf der Wirtschaftskonferenz in Paris, beratschlagen, wie nach Wiederherstellung des
Friedens der Weltkrieg durch einen Handelskrieg abzulösen sei, der abermals einen
neuen Krieg mit all seinen Gefahren zur Folge haben würde?
Es gibt nur ein Wort dafür, es heißt: Wahnsinn.“
. 2) Lujo Brentano „Über den Wahnsinn der Handelsfeindseligkeit“, Vortrag
Verlag von Ernst Reinhardt,-München, 1916.
*