404 Dritter Teil. Industrie. II. Bausteine zur Würdigung der deutschen Industrie.
sichtlich des Produktionswertes nach Sonneberg der Hauptsitz der deutschen Spiel
warenindustrie geblieben ist. Während aber die Nürnberger Metallspielwaren maschi
nelle Einrichtungen und fabrikmäßigen Betrieb fordern, ist in Sonneberg und dem
Sächsischen Erzgebirge, dem dritten Hauptsitz der deutschen Spielwarenverfertigung,
die hausindustrielle Betriebssorm vorherrschend, wenn auch für den gegenwärtig
wichtigsten Zweig der Sonneberger Spielwarenindustrie, die Puppenfabrikation, die
fabrikindustrielle Betriebsweise ein weites Feld gewonnen hat.
Eine für die Technik der Sonneberger Spielwarenindustrie überaus wichtige
Neuerung trat ein, als gegen 1820 man sich der Papiermachsmasse für die Fabrikatton
zu bedienen begann, welche es ermöglichte, mit Hilfe der negativen Form einer Figur
rein mechanisch in kurzer Zeit eine beliebige Anzahl von Exemplaren herzustellen. Das
Papiermacho bildet seitdem den wichtigsten Rohstoff für die Sonneberger Industrie;
nur in der Puppenfabrikation kamen andere Materialien noch in Frage. Die Ent
wickelung der Puppenindustrie datiert seit dem Anfange der fünfziger Jahre, als ein
einwandfreies Wachfieren des Kopfes der Papiermachotäuflinge (unter Täuflingen
verstand man und versteht man heute noch Puppen mit einem Hemdchen bekleidet)
gelungen war; weitere Vervollkommnungen bestanden darin, daß durch besondere
Formen das Gießen der Wachsmassen zu sog. „Modellköpfen" ermöglicht (1868) und
schließlich der Puppenkopf durch eine eigens präparierte Lackschicht waschbar gemacht
wurde. Seit den siebziger Jahren hat die Fabrikation von „Gelenkpuppen" einen
bedeutenden Aufschwung genommen. Während ursprünglich Hals-, Fuß-, Knie- usw.
Gelenke durch Schnüre beweglich gemacht wurden, wurden später gedrechselte Holz
kugelgelenke mit elastischen Schnüren mit Kopf und Rumpf verbunden, so daß dem
Kinde ermöglicht wird, der Puppe fast jede gewünschte Stellung zu geben. Die Köpfe
hierzu sind zum größten Teil aus Porzellan mit und ohne Glasaugen (in letzterem
Falle einfach gemalte Augen); ihre Fabrikation beschäftigt heute mehrere große
Porzellanfabriken fast ausschließlich.
Etwa gleichzeitig hiermit, d. h. nach den siebziger Jahren ging man von der
Fabrikation der „Täuflinge" zu derjenigen gekleideter Puppen über, und damit eben
war der Anfang mit der Begründung von Fabrikbetrieben innerhalb der bisher rein
hausindustriellen Fabrikation gemacht, wenn auch heute noch die Puppenkonfektions
arbeiten, das Nähen von Puppenschuhen, Hütchen rc. zum großen Teil durch Heim
arbeiterinnen sich vollzieht. Man darf annehmen, daß von der Gesamtproduktion
der Sonneberger Spielwarenindustrie die volle Hälfte auf Puppen, ein Drittel etwa
auf die übrigen, gemeinhin als Spielzeug bezeichneten Artikel und der Rest auf
Attrappen, Christbaumschmuck usw. entfällt.
Die Puppenfrisur wurde ursprünglich gemalt, in den sechziger Jahren wandte
man dann Flachs und auch Menschenhaar an. Sprach gegen letzteres schon der
Umstand, daß es zu teuer war, so erwies der Flachs wegen seiner Brüchigkeit sich als
wenig geeignet. Dagegen besitzt man nunmehr ein sehr brauchbares Frisurenmaterial
in dem sog. „Mohair", dem Haare der Angoraziege, welches aus Kleinasien und
Persien über England gewaschen, gekämmt und gefärbt in großen Mengen ein
geführt wird.
Die Artikel der Sonneberger Spielwarenindustrie in ihrer schier unbegrenzten
Mannigfaltigkeit aufzuzählen, ist unmöglich. Diese Vielseitigkeit ist eben nur bei haus
industrieller, manueller Herstellungsform möglich. Gerade diese Vielseitigkeit ist eine
Hauptvoraussetzung für ihre geschäftlichen Erfolge. Auch die Handels- und Gewerbe
kammer Sonneberg gibt dem in ihrem Jahresbericht pro 1903 Ausdruck: „Je weiter
der Fabrikant in seinen Artikeln auszuholen versteht, je verschiedenartiger die Gebiete
sind, aus denen er sich neue Gedanken entlehnt, je mannigfacher die Materialien sind,
die er zur Verarbeitung und Ausstattung seiner Artikel zur Verwendung zu bringen