Contents: Gesellschaftslehre

100 Die sozialen.Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
von einem Tier auf das andere bildet dabei nur eine Seite einer um- 
fassenderen Übertragung, nämlich derjenigen der gesamten inneren und 
äußeren Haltung des Tieres. Da die geselligeren Tiere überwiegend unter 
zleichen Bedingungen leben, so verbindet sich mit der Übertragung 
häufig auch ein Parallelismus des Verhaltens als Folge einer Gleichheit 
der Reize, wodurch die angeborene Anlage gleichsam immer wieder neu 
eingeübt wird. Zugleich ist die Zweckmäßigkeit der Übertragung eben 
infolge der Gleichheit der Bedingungen gesichert. Diese beiden Tat- 
sachen fallen beim Menschen namentlich mit steigender Kultur immer 
mehr fort. Das Miterleben wirkt dementsprechend hier abgeschwächt. 
Die Ausdruckstätigkeit hat im modernen Leben an Lebhaftigkeit ver- 
loren; und starke Gefühlszustände haben bei uns eine gewisse Tendenz 
bekommen, sich von der Öffentlichkeit abzukehren. Ferner schließt die 
Gesamthaltung bei uns oft die Übertragung aus; denn diese stellt sich 
schwer oder gar nicht ein, wo es sich um fernstehende Menschen handelt 
oder wo gar ein Kampf ihnen gegenüber herrscht. 
3. Wir können bei der Übertragung unterscheiden zwischen einer 
stärkeren und einer schwächeren Form, die sich auf die vorübergehende 
und die dauernde Form ‚des Gefühlsvorganges, nämlich Affekt und 
Stimmung, verteilen. Die bisherigen Beispiele hatten vor allem die 
Wiederholung von Affekten im Auge. Daneben gibt es eine solche 
von „Stimmungen“, dieses Wort (mangels eines geeigneteren) hier 
so verstanden, daß es auch Willenshaltungen und Gesinnungen wie Liebe, 
Kampf oder Stolz mit umfaßt. Auch sie beruht auf dem Mechanismus der 
Nachbildung von Ausdrucksbewegungen, der in gewissen Fällen in der 
Regel mit dem besonderen Namen der Einfühlung, genauer der körper- 
lich vermittelten Einfühlung, belegt wird. Es braucht dabei nicht zu 
einer wirklichen Nachbildung der charakteristischen Körperhaltung oder 
des Mienenspiels zu kommen. Vielfach genügt schon die Tendenz dazu. 
Eine stolze emporgereckte Körperhaltung ruft in uns die Tendenz zu 
einer entsprechenden ebenso hervor wie der Anblick eines niedergebeug- 
ten müden Wesens. — Alle Arten von Verhaltungsweisen und Stellung- 
nahmen können auf diese Weise übertragen werden rein motorisch-prak- 
tisch, ohne ein Bewußtsein davon, also ohne daß der übernehmende Teil 
vorstellungsmäßige Grundlagen für sein Verhalten besäße: die Über- 
aahme kann rein subintelligent verlaufen, Kinder können z. B. 
an den Spannungen innerhalb ihrer Familie Anteil nehmen durch Über- 
nahme der Parteistellung eines Elternteiles, lange ehe sie für die Gründe 
der Gegensäge ein Verständnis haben können. Kinder übernehmen so 
die Ungleichheit in der sozialen Bewertung, noch ehe sie eine theoretische 
Auffassung davon haben. Sogar der Hund behandelt aus demselben
	        
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