605) Das Angebot abhängig von dem Umfang der Produktivkräfte. 147
natürlich neben ihrer jeweiligen Größe das Entscheidende immer bleibt, in welchem
Tempo und Umfang sie durch den Verbrauch gemindert, durch die Neuproduktion
wieder ergänzt werden. Wir stellen uns so das Angebot der Gegenwart am besten
unter dem Bilde zahlreicher kleiner Rinnsale vor, die in gewissen breiteren Thälern
sich in Becken und Reservoire sammeln, von da aus, wieder durch die Handelskanäle ver—
teilt, der weiteren Verarbeitung und zuletzt dem Verbrauch zugeführt werden. Die
sKräfte, die bei diesem Prozesse spielen, sind 1. die Anziehungskraft des Verbrauchs,
). h. die Nachfrage; 2. die Produktionskraft der Produzenten und 83. die Art und
Schnelligkeit, mit welcher in dem immer länger werdenden Kanalsystem die Bewegung
der Güter vor sich geht. Arbeitet die erste und zweite dieser Kräfte ganz gleich stark,
so ist die Bewegung eine normale; die Reservoire erhalten sich in gleicher Füllung,
das Wasser in gleichmäßiger Bewegung; steigt die Nachfrage, so wird die Bewegung
beschleunigt, die Füllung der Reservoire sinkt, es fragt sich, wie schnell die Produktions—
fraft folgen kann. Steigt umgekehrt die Produktion, ohne daß die Nachfrage ganz
gleichzeittg und im selben Maße zunimmt, so überfüllen sich die Reservoire. Die
Stockung beginnt. Die Hauptfrage nun ist, wie lange in solchen Fällen der Weg vom
Anfang bis zum Ende ist, und ob er in wenigen Wochen oder erst in Jahren sich zurück—
legen läßt. Gewisse Warenangebote kann man in wenigen Wochen, viele erst nach einem
Jahre, manche erst nach vielen Jahren in ihrer Größe und in ihrer Art ändern,
weil erst nach Jahren neue Kulturen oder Anlagen fertige Produkte liefern, Kapital
und Arbeit in andere Bahnen übergeführt werden können.
Gehen wir nun von den vorhin schon klassifizierten Produktionskrästen aus, die
das Angebot bestimmen, so ist klar, daß zwar der jeweilige Stand der Nachfrage sie
stets beeinflußt und gestaltet, daß sie aber an sich — als Land-, Natur-, Menschen-—
rräfte, Kapital, Technik, sociale und Betriebsorganisation — von viel weiter zurückgehenden,
illgemeinen großen Ursachen der Natur und der Geschichte in jedem Lande bestimmt
sind, von der jeweiligen Nachfrage nur in beschränktem Maße geändert, teils nur
angsam beeinflußt, teils gar nicht modifiziert werden können. Wir werden bei näherer
Prüfung der Produktivkräfte vor allem sagen: daß jeweilig ein erheblicher, bei alter
stultur vielleicht der größere Teil derselben in beschränktem Maße vorhanden sei. In
unbeschränkter Menge ist überhaupt nichts auf der Erde vorhanden; aber gewisse
Büter — die sogenannten freien — trifft der Mensch, zumal wo seine Zahl eine geringe ist,
in solcher Menge, daß sie ihm gegenüber seinem Bedarfe immer als unbegrenzt erscheinen,
vwvie das Trinkwasser, das Holz im Urwald. Alles übrige ist in beschränkten Mengen
vorhanden; und eben weil es so ist, und sich ein jeder für die Zukunft sichern
wollte, ist das Eigentum in Anknüpfung an den Wert, an die relative Seltenheit
entstanden. Die gesamten Ursachen der Eigentumsverteilung und die jeweilige Gestaltung
derselben werden so zugleich zu mittelbaren Ursachen des Angebots; doch haben wir
dabei nicht zu verweilen, denn jede Art ihrer Gestaltung spiegelt das wieder, was wir
hier im Auge haben, den beschränkten Umfang des Bodens, der Erz- und Kohlenlager,
der Wasser- und Naturkräfte. Und diese Beschränktheit wird sofort zur kümmerlichen
Enge, wenn wir die besten Böden, die reichsten Erzlager, die für den Verkehr bevor—
jugten Plätze ins Auge fassen. Daran ändert auch aller Fortschritt der Kultur principiell
nichts. Er kann freilich durch bessere Technik den fruchtbaren Boden verdoppeln und ver—
zehnfachen, selbst dem ärmsten Erträge abgewinnen, durch ein Wegenetz die Zahl der
zünstigen Lagen und Plätze vermehren; aber all' das doch wieder nur in beschränktem
Maße, wie wir oben bei Erörterung der Geschichte der Technik schon sahen. Und wenn
unterdessen die Menschenzahl noch mehr zugenommen hat, welche auf dieselbe Fläche
angewiesen ist, so bleibt die Relation die alte; nur wenn Kunst, Technik und sociale
Organisation jeweilig rascher gewachsen sind, ist die Beschränktheit nicht verschwunden,
aber zurückgedrängt, die Versorgung erleichtert.
Neben Boden- und Naturschätzen erscheinen nun die anderen Produktivkräfte als
die elastischeren: die Arbeitskräfte und die Kenntnisse, die Technik und die sociale
Organifation, die Kapitalien können jedenfalls in slärkerer Proportion zunehmen,
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