EINLEITUNG.
Das erst vor wenigen Monaten im gleichen Ver- gnügt, Vorhandenes zusammenzutragen oder selbst
lage erschienene Levante-Handbuch hat in eine Auswahl hinsichtlich der Zuverlässigkeit zu treffen,
der Presse und im Buchhandel eine so günstige Auf- sondern die bestrebt ist, eine einheitliche allseitige Dar-
nahme gefunden, dass schon jetzt ein Neudruck — stellung zu geben, verbreitete Irrtümer aufzuklären und
mit geringeren Veränderungen — veranlasst werden durch häufige — evtl. jährliche — Neuauflagen dem
musste. Dieser Erfolg veranlasst den Herausgeber Veralten des gebotenen Materials vorzubeugen, in dem
und den Verlag, im vorliegenden Bande eine Dar- ja der Hauptnachteil der grossen, nicht speziellen
stellung der wirtschaftlichen Verhältnisse zweier Län- Publikationen liegt.
der zu geben, die gegenwärtig mehr als seit vielen Der vorliegende Band bildet eine Art Ergänzung
Jahrzehnten im Vordergrund des Interesses stehen: zu dem „Levante-Handbuche“, mit dem zusammen er
MAROKKO und PERSIEN. den Bereich der islamischen Länder umfasst. Die
Nicht nur haben die politischen Verhältnisse diese Einheit der islamischen Staaten ist
beiden Länder dem Gesichtskreis der gesamten Kultur- eine der neuen Entwickelungen, die im Gefolge der
welt erheblich näher gerückt, sondern auch ihre Be- türkischen Umwälzungen vor sich gehen. Die persi-
deutung als Feld für wirtschaftliche Betätigung firemd- schen Nationalisten haben sich in einer kritischen Lage
nationalen Kapitals wächst zusehends und dürfte genug an das türkische Parlament gewandt und es gebeten,
Veranlassung bieten, dass die Industriestaaten mit In- die Interessen des freiheitlichen Persien vor Europa
teresse ihrer weiteren Entwickelung folgen. zu vertreten. Marokko und Afghanistan — die fern-
Zum Verständnis der kommenden Dinge gehört in Sten selbständigen islamischen Staaten in West und Ost
erster Linie Kenntnis des Bestehenden. Diese Kenntnis haben türkische Instrukteure für die „Europäisierung“
zu vermitteln, ist der Zweck von Publikationen wie ihrer Militärmacht gewonnen — Beziehungen sind an-
der vorliegenden. In den meisten Fällen ist es nicht geknüpft, trennende Unterschiede konfessioneller und
allzu schwer, sich über die Verhältnisse der Länder politischer Art sind überbrückt worden, mit einem
aus verschiedenen Quellen zu informieren, wenn auch Worte: durch die islamische Welt, die so gespalten
schon eine systematische Verarbeitung der zugäng- schien, geht jetzt ein Zug der Konsolidierung, der In-
lichen Materialien zu einer einheitlichen und über- teressengemeinschaft gegenüber den politischen. Ge:
sichtlichen Darstellung eine verdienstliche Arbeit wäre fahren, die ihr von Europa her drohen.
und einem viel grösseren Kreise die Informationen zu- Diese Entwickelung verdient das grösste Interesse,
gänglich machen würde, als es jetzt bei verstreuten um So mehr, als diesem politischen Zusammenschluss
und verschieden bearbeiteten Einzelkapiteln der Fall gegen Europa eine gleichzeitige Tendenz gegenüber-
sein kann. steht, die die Länder des Orients dem Verkehr, dem
Die Orientländer nehmen aber in dieser Beziehung Handel, der Industrie, der Weltwirtschaft erschliessen
eine ganz besondere Stelle ein. Hier fehlt noch fast Will
jede Statistik, und selbst über die einfachsten Dinge Politik und Wirtschaft gehen oft Hand in Hand,
findet man in den zuverlässigsten Werken Angaben, die oft widersprechen sie einander; in allen Fällen aber
oft um ein viellaches von der Wirklichkeit und bestehen Wechselwirkungen zwischen beiden, zu deren
von einander abweichen. Hier ist eine Publi- Erkenntnis und Nutzbarmachung diese Publikationen
kation doppelt wünschenswert, die sich nicht damit be- beitragen sollen.
Berlin, im Juni 1910. Davis Trietsch.