mit bes. Rücksicht auf die Stadtwirtschaft des deutschen Mittelalters 183
Der Annahme einer Stufe der Weltwirtschaft, die somit nahe-
gelegt wird, stehen indessen zwei Hindernisse entgegen. Erstens
fragt es sich, ob die internationalen Wege der Waren heute so
sehr über die nationalen überwiegen, daß auf jenen der eigent-
liche Schwerpunkt liegt. Nur dann könnten wir die internationa-
len Beziehungen als den schlechthin typischen Zustand der Gegen-
wart ansehen, nur dann von einer Weltwirtschaft in dem gleichen
vollen Sinn sprechen wie von einer Volks- oder Stadt- oder
Hauswirtschaft. Zweitens kommt es darauf an, ob eine politische
Gewalt den Verkehr über die ganze Erde in der Art zu leiten
bestrebt ist, wie in der Zeit der Stadtwirtschaft die Stadt den
Verkehr auf das städtische Gebiet annähernd zu begrenzen und
in der Zeit der Volkswirtschaft der Staat einen lebhaften Ver-
kehr innerhalb des ganzen staatlichen Gebiets zu entwickeln
sucht. Harms hebt sselbst die hier vorhandene Schwierigkeit her-
vor. „Weltwirtschaftspolitik“, bemerkt er!), liegt erst dann ror,
wenn die internationalen Beziehungen zwischen den Einzel-
wirtschaften durch internationole staatliche Verträge geregelt
werden."“ Das Maß der Regelung wird entscheidend sein. Einst-
weilen und gewiß dauernd wird die Regelung durch inter-
nationale staatliche Verträge hinter der Regelung des Wirt-
schaftslebens eines Staats durch diesen zurückstehen. Den viel
gerühmten Völkerbund wird man eher als eine Vereinbarung
einer bestimmten Gruppe von Staaten zur Beherrschung des
Handels bestimmter Gebiete denn uls einen Fortschritt zur An-
bahnung einer wahren Weltwirtschaft aufzufassen haben. Jm
übrigen kann man zugeben, daß sich Ansätze zv einer politischen
und rechtlichen Organisation weltwirtschaftlichen Charakters
herauszubilden beginnen. Vorersst aber hat eine Organisation,
wie sie bei der heutigen staatlich organisierten Volkswirtschaft
besteht, keine echte Analogie in irgend einer sog. Weltwirtschaft.
Und bei jenen Ansätzen zu einer Organisation weltwirtschaft-
lichen Charakters bleiben die Träger der Wirtschaftspolitik immer
!) Weltwirtsch. Archiv, Oktober-Heft v. 1918, S. 373. Zur Frage
der Weltwirtschaft vgl. ferner Kobatsch, Jahrbücher f. Nationalökon.
103, S. 488; Gerlach, ebenda 1918, Oktober-Heft.