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Die Naturphilosophie. — Paracelsus.
sind, nit Doctor sind: das Licht der Natur ist Meister, nit unser
Hirn, nit unser fünff sinn“.%) Aber die Natur selbst ist dennoch
zugleich das Symbol und der Widerschein des göttlichen Geistes;
und um sie nach dieser ihrer eigentlichen Wesenheit zu begrei-
fen, muss zuvor das erkennende Subjekt sich selbst zur inne-
ren Klarheit und Freiheit der Betrachtung läutern. Das natür-
liche Licht könnte nicht in uns aufgenommen werden, wenn cs
nicht zugleich in uns selbst seinen Quell und Ursprung hätte.
Der gesamte Reichtum der äusseren Welt, die Gestirne und das
Firmament liegen beschlossen im „Gemüt“ des Menschen. „Dann
as ist ein solch gross Ding umb des Menschen gemüth. also das
3s niemandt möglich ist auszusprechen: Und wie Gott selbs und
Prima Materia und der Himmel, die Drey ewig und unvergengk-
lich sindt; also ist auch das Gemüth des Menschen .. Und wenn
wir Menschen unser Gemüth recht erkennten, so were uns nichts
unmöglich auff dieser Erden“.*) So nahe grenzt der Begriff der
Erfahrung in seiner Ausführung und Verfolgung hier noch an die
Mystik an. Die angeführten Sätze gehören freilich einer Schrift
an, deren Echtheit nicht sicher bezeugt ist: doch liegen sie durch-
aus in der Richtung von Paracelsus’ Grundanschauung und wer-
den durch Aussprüche, die sich in verwandten Gedankenkreisen,
bei Agrippa von Nettesheim und Fracastoro finden, bestä-
tigt und ergänzt. Wer sein eigenes Sclbst wahrhaft begreift, der
erfasst in ihm zugleich das All der Dinge: „Cognoscet in primis
Deum, ad cujus imaginem factus est, cognoscet mundum, cujus
simulacrum gerit, cognoscet creaturas omnes, cum quibus sym-
bolum habet .. et quomodo singula singulis suo loco, tempore,
ordine, mensura, proportione et harmonia aptare queat et ad se
trahere atque deducere, non Secus atque magnes ferrum“.%)
Hier erfassen wir einen charakteristischen Grundzug, der den
Denkern dieser Epoche und Richtung gemeinsam ist. Sie alle
rufen nach der äusseren sinnlichen Wirklichkeit, in die sie sich
zu versenken und an die sie sich völlig hinzugeben trachten,
aber sie alle finden in dem Bilde, das sich ihnen hier offenbart,
zuletzt wiederum den Reflex des eigenen „Gemütes“ wieder. Eine
[dentität des „Subjektiven“ und „Objektiven“ wird gefordert und
in dunkler Vorahnung ergriffen: aber da die Wissenschaft nicht
reif ist. dieses Verlangen zu stützen oder zu leiten, so bleibt es