Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

262 V. Die Motive der Zunftbildung im deutschen Mittelalter. 
zugsweise nicht sowohl ländliche Grundherrschaften als viel- 
mehr geistliche Niederlassungen in den Städten, bei denen es 
dann auch nicht charakteristisch ist, daß sie Eigenleute beschäf- 
tigen; die Arbeit wird von dem weitern Kreis der geistlichen 
Genossenschaft getan, auch wohl von freien Arbeitskräften. 
Wohl haben auch die alten Grundherrschaften die Entwicklung 
des Gewerbes gefördert. So die alten Klöster mit ihrer Be- 
wahrung und Weiterbildung römischer Traditionen, auch wohl 
mit eigener Produktivität. Aber sie kommen dabei weniger als 
Grundherrschaften denn als geistig-kirchliche Kulturstätten 
in Betracht. 
Größer als eine solche unmittelbare Förderung ist die 
mittelbare, welche die Grundherrschaften, hier die echten 
Grundherrschaften, weltliche wie geistliche, auf die Entwick- 
lung der Gewerbe ausgeübt haben. Es ist die Förderung, die 
aus der in der Bildung der Grundherrschaften sich vollziehenden 
Differenzierung der Vermögen hervorging!). Zwar haben wir 
wiederum zu betonen, daß die Entstehung der Grundherrschaften 
oder der Großgrundherrschaften nicht die einzige Differenzierung 
des Vermögens war, die im frühern Mittelalter ins Leben trat; 
auch im bäuerlichen Besitß kam es zur Entstehung von Unter- 
schieden, die den einen in den Stand setzte, mehr Ansprüche an 
das Leben zu stellen, den andern, durch den Ertrag gewerblicher 
Arbeit das zu vervollständigen, was er aus seinem geringern 
Landbesiß gewann. Es wird überdies die wirtschaftliche Ent- 
wicklung nicht. nur durch die Differenzierung der Vermögen 
vorwärts getrieben. Endlich liegt ein wesentliches Moment 
in der besondern Art, in der sich die Differenzierung der Ver- 
mögen vollzieh. Da die mittelalterliche Grundherrschaft, 
wovon wir schon sprachen, ihren abhängigen Gruppen so viel 
Freiheit ließ, da der Unfreje so starke wirtschaftliche Bewegungs- 
freiheit besaß, so ist schon darum die Auffassung abzulehnen, 
daß im deutschen Mittelalter die Städte und die neuen städtischen 
Berufe ein reines Produkt der Grundherrschaften gewesen seien 
1) Bgl. oben S. 37.
	        
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