V. Die Motive der Zunftbildung im deutschen Mittelalteee. 267
haften Städte in der Römerzeit aufweist. Hier wurden in der
gallisch-römischen Periode Stoffe sür den. Fernabsatz hergefstellt,
übrigens damals nicht Prunkgewänder, sondern gewöhnliche
Erzeugnisse schlichter Art. Die eindringenden Teutschen haben
dann dies Gewerbe fortgesetzt!). Wir erhalten damit ein Beispiel
eines ländlichen Gewerbes, das früh schon einen starken
Absatz hat. Wenn die Deutjschen diese Industrie von den Völkerschaften
übernahmen, in deren Gebiet sie sich niederließen, so
ist schwer zu scheiden, was in ihr von den Kelten, was von römischem
Einfluß stammte und was die Deutschen hinzugetan haben.
Den Ruf hochwertiger Stoffe haben die hier hergestellten Wolltuche
erst seit der deutschen Besiedlung des Gebiets erhalten.
Die berühmten ,friesischen“ Gewänder der fränkischen Zeit
sind die in Flandern erzeugten, aber von Friesen in den Handel
gebrachten.
Bei dem bescheidenen Umfang, den die gewerblichen Betriebe
der Grundherrschaften, wie wir bemerkten, hatten, und
bei deren degrenzten Zwecken ist es ausgeschlossen, daß die für
den Fernabsatz bestimmten Tuche der menapisch-flandrischen
Landschaft überwiegend oder gar ausschließlich in jenen hergestellt
worden seien. Sie können überwiegend nur Erzeugnisse
der kleinen ländlichen Bevölkerung gewesen sein. Wenn
es. nicht an Nachrichten fehlt, daß eine Grundherrschaft
einen gewissen Überfluß an Tuchstoffen, der ihr von ihren abhängigen
Leuten zugeht, abstößt?), so wissen wir andererseits,
daß die Grundherrschaften Stoffe von auswärts kauften?®),
was doch darauf hinweist, daß das, was sie von ihren abhängigen
') Vgl. Häpke, Die Herkunft der friesischen Gewebe, Hansische
Geschichtsblätter 1906, S. 371 ff.; Pirenne, V.j.schr. f. Soz.- u. W.G.
1909, S. 308 ff.; Häpke, ebenda 1912, S. 173 f. Über die flandrische
und die Tuchweberei im allgemeinen s. die erweiterte Freiburger
Dissertation von Erich Kober, Die Anfänge des deutschen Wollgewerbes
(1908); dazu Al, Schulte, Ztschr. f. Sozialwissenschaft 1909, S. 60.
2) E. Kober a. a. O. S. 19 und 43.
3) Dopsch, Karolingerzeit IL, S. 163. Bemerkenswert ist es auch,
daß hie Vezever Gewandschneider Stoffe von Landwebern beziehen.