340 VI. Großhändler und Kleinhändler im deutschen Mittelalter.
mit den überseeischen Gebieten um starke Engrosumsätze gehandelt
hat!). Der hansische Kaufmann z. B., der Heringe aus
Schonen holte, verfrachtete gewiß nicht bloß ein geringes Quantum,
wie er es für den Absatz eines städtischen Kleingeschäftes
nötig hatte. Der Importeur englischer Wolle versorgte nicht
nur die Webermeister seiner Heimatsstadt, sondern gab von dem
eingekauften Vorrat auch an andere Kaufleute ab, die das Er
haltene vielleicht noch einmal im großen veräußerten. Und
ähnlich verhielt es sich mit dem, der Felle oder Asche aus Rußland
bezog. Umgekehrt konnten die Hansen, welche Salz, Tuch,
Leinwand, Wein, Wachs, Pelzwerk aus ihrer Heimat nach
dem Ausland oder von einem fremden Land zum andern verschifften,
nicht warten, bis sie ihre Waren im kleinen abseßen
würden. Indesssen es ist die Frage, ob der Kaufmann, der sich
dem überseeischen Verkehr widmete, sich auf den Großhandel
beschränkt hat. Sie wird, wie wir es in den vorstehenden Sätzen
schon leicht angedeutet haben, zu verneinen Jem.
Zunächst wissen wir, daß die Hansen im Ausland die Er
laubnis zum Kleinhandel lebhaft erstrebt und oft auch erlangt
haben. Wie früher erwähnt, gestattete das mittelalterliche
7. Auflage von Roscher’'s Nationalökonomik des Handels und Gewerbfleißes
S. 173 schlechthin den Ausdruck „Gilden der Großhändler",
macht aber die, wie wir sehen.werden, sehr berechtigte Einschränkung,
daß solche Gilden in Deutschland „im allgemeinen wohl kaum vor
dem 14. Jahrhundert“ auftreten. ~ Siewert, Rigafahrer, S. 84
nennt die Mitglieder der Schwarzhäuptergilde, die übrigens keine
gewerbliche, sondern eine gesellige Vereinigung ist, in Riga „Angehörige
des Großhandelsstandes". Vergl. dagegen die unten zu
machenden Bemerkungen über den Verkehr der Rigaer mit Poloct.
Ferner ist gegen Siewert einzuwenden, daß die mit der Rigaer Schwarzhäuptergilde
in gewisser Weise in Parallele zu stellende Lübecker
Zirkelgesellschaft (s. unten) auch Gewandschneider und andererseits
Personen, die nicht oder nicht in erfter Linie Kaufleute, sondern etwa
große Grundbesißer waren, zu ihren Mitgliedern zählte. Vengl.
noch Hansen, Publikationen aus den khgl. preuß. Staatsarchiven,
Bd. 42, Einl. S. 86: „Großkaufmannsgilde“ in Riga (er hat die
„Stube von Münster“ im Auge).
1) Man kann daher wohl Siewert S. 6, Anm. 4 zustimmen, wenn
er Travehandel und Großhandel gleichstellt. Vergl. Siewert S. 162.