1. Das kurze Leben einer viel genannten Theorie. l?
ein sozialistischer Schriftsteller ist. Er empfand für sie offen
bar besondere Sympathie. Gerade aus sozialistischem Eifer
hat er den Neudruck von Maurers Buch besorgt.
Wenn sich das Festhalten an der alten Theorie bei Cunow
teilweise daraus erklärt, daß er die neueren Forschungen nicht
genügend berücksichtigt (es fehlt ihm übrigens nicht an mancher
lei Belesenheit), so muß man andrerseits doch zugeben, daß
eine Instanz immer noch vorhanden war, an der man eine
richtige Stütze für die Lehre vom Ureigentum zu haben glaubte.
Dies ist die südsslavische Zadruga. Es findet sich heute bei den
Serben eine Hauskommunion: die Familie bleibt durch zwei
bis drei, allenfalls vier Generationen in ungeteiltem Besiy
der Liegenschaften, und diese werden gemeinschaftlich bebaut.
Wird die Zahl der Hausgenossen zu groß, sso erfolgt eine Tren-
nung durch Begründung einer oder mehrerer neuer Kom-
munionen. Diese serbische Zadruga sah man als etwas Ursprüng-
liches an, und man schrieb sie ferner für die Urzeit allen slavischen
Völkerschaften zu!) und unterließ von slavischer Seite nicht,
mit nationalem Stolz auf sie hinzuweisen, während einzelne
Autoren sie andrerseits sogar als indogermanische Institution
bezeichneten. Nun läßt sich allerdings diese Haustommunion,
wenn man sie sich recht klar macht, nicht gut für die Theorie
vom Ureigentum verwerten. Denn bei den verschiedenen Bei
spielen des Gemeineigentums am Ackerlande hat man es in
der Regel mit dem Gemeineigentum einer Dorfgemeinde zu
tun: so bei dem russischen Mir, bei den alten deutschen Ansiede-
lungen. Es ist bei ihnen charakteristisch, daß sie eine Mehrzahl
von Hausgenosssenschaften umfassen. Die Zadruga dagegen
stellt nur die Hausgenossenschaft für sich, wenn auch eine große,
dar, nicht die ganze Ansiedelung. Indessen, man übersah diesen
Unterschied entweder, oder, wenn man ihn erkannte, so glaubte
man die Zadruga als „Vorstufe“ der Dorfgemeinschaft deuten
1) So Schmoller, „Allgemeine Volkswirtschaftslehre" I. S. 375,
der die Hausko mmunion für „das ganze Slavengebiet in älterer Zeit“
annimmt.
v. Bel oi, Wirltschastsgeschichte. 2. Aufl