Full text: Probleme der Wirtschaftsgeschichte

444 VII. Die Entstehung des modernen Kapitalismus. 
So nachdrücklich ich selbst glaubte hervorheben zu müssen, daß 
mehr Waren und diese in größern Mengen dem Fernvertehr 
unterworfen waren, als Bücher annimmt, so übertreibt ander- 
seits Sombart die Bedeutung des mittelalterlichen Austausches. 
Von dem interlokalen Tuchhandel behauptet er (S.99): „Seine 
Existenz würde fast allein genügen, um alle Vorstellungen von 
dem Kundenarbeitscharakter des Handwerks als irrtümlich zu 
erweisen!).“ Gewiß ist es unbestreitbar, daß im Mittelalter große 
Mengen von Tuch exportiert worden sind, daß alle Städte Tuch 
einführten. Indessen kommen hier doch überwiegend nur die 
bessern Tuchsorten in Betracht. Sie sind es vornehmlich, auf 
die sich die Tätigkeit der Tuchhändler des Mittelalters, der 
Gewandschneider, beschränkte. Sie verkauften wesentlich Tuche, 
die nicht am Orte selbst hergestellt waren. Im übrigen wurde 
der Bedarf durch Fabrikation in der heimischen Stadt gedeckt. 
Und das Charatteristische des Mittelalters ist eben die überra- 
schende örtliche Verbreitung der Tuchweberei: jede Stadt hat 
zahlreiche Weber gehabt, weitaus die meisten ihre Weberzunft. 
Zum festen Bestand einer mittelalterlichen Stadt gehört eine 
solche. Darin liegt der große Unterschied zwischen Mittelalter 
und neuester Zeit, daß heute in den meisten Städten die Weber 
fehlen. Es befanden sich also im Mittelalter Handwerter und Ab- 
nehmer in einem viel nähern Verhältnis als heute, oder, um 
auf die Frage des interlotalen Verkehrs zurückzukommen, diesen 
schäzt Sombart etwas zu hoch?). 
Wir gewinnen nun freilich mit der Feststellung des Maßes 
des Fernabsates noch nicht ohne weiteres ein Urteil über die 
Existenz größerer Einzelwirtschaften. Es können noch besondere 
Umstände in Betracht kommen, die hier hindernd oder fördernd 
1) Auf einem verwandten Irrtum beruht die Anschauung vom 
mittelalterlichen Tuchhandel, gegen die ich mich in H. Z. 89, 232 aus- 
ze: hate ot sich in einen solchen Eifer gegen Bücher hinein, 
daß er (S. 71) sich geneigt zeigt, die Kategorie der „Stadtwirtschaft“ 
ganz. zu verwerfen. Auch Sieveking geht in dem Widerspruch gegen 
den Begriff der Stadtwirtschaft zu weit (V.j.schr. f. Soz.- u. W.G. 
1904, S. 198).
	        
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