Object: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

74 Zweiter Teil. Handel. III. Zur Geschichte von Handel und Industrie rc. 
sich aus allen Kreisen der Gebildeten; die allgemeine Wehrpflicht hat das proletarische 
Söldnerberufsheer mit seiner einseitigen Arbeitsteilung abgelöst. 
Die Handelsaristokratie der Gegenwart konnte und kann nicht ebenso ver 
schwinden, weil ihre arbeitsteilige Funktion, die Leitung und Regulierung der wirt 
schaftlichen Produktion, der Verteilung der Güter erst in den letzten 2—3 Jahr 
hunderten entstand und heute unentbehrlich ist. Wäre der Handel aller Zwischen 
händler so entbehrlich, wie die Sozialisten meinen, verdienten die kaufmännischen 
Fabrikleiter ihre Gewinne nur mit demselben Rechtstitel wie die Jungen, die über 
die Mauer steigen, um Äpfel zu stehlen (Kautsky), dann wäre diese Handelsaristokratie 
auch schon verschwunden. Sie wird bleiben, solange sie am besten große und wichtige 
Funktionen der Volkswirtschaft versieht. Aber ihre einseitige Herrschaft wird, wo sie 
besteht oder droht, mehr und mehr durch entgegenwirkende Einrichtungen und Or 
ganisationen zurückgedrängt und beschränkt werden. Große politische und wirtschaft 
liche Bewegungen sind in unserer Zeit im Gang, um dies zu bewirken. 
2. Die Phönizier. 
Von Alexander v. Peez. 
Peez, Alt- und Neu-Phönizier. In: Zur neuesten Handelspolitik. Wien, Kommisfions- 
nerlag von Georg Szelinski, 1898. S. 308—309, S- 315—316, S. 326—328 und S. 335—337. 
Der Reisende, der zur Zeit der Blüte Phöniziens, etwa um das Jahr 1000 
vor Christus, zu Schiffe nach Ägypten, Kleinasien oder Griechenland sich der syrischen 
Küste näherte, machte alsbald die Wahrnehmung, daß er sich auf der belebtesten 
Seestraße des Altertums bewegte. Wie heutzutage im Kanäle zwischen Frankreich 
und England, tauchten am Horizonte über dem blauen Seespiegel zahllose Schiffe auf, 
kamen näher, entfernten sich oder kreuzten ihre Bahnen, Schiffe aller Art, einzeln 
oder in Schwärmen, rundbäuchige Kauffahrer, die man schwimmenden Magazinen 
vergleichen konnte, oder schlanke, mächtige Kriegsschiffe, die unter dem Schlage von 
Hunderten von Rudern mit einer sogar von unseren Dampfern nicht allzuweit über- 
troffenen Schnelligkeit dahinschossen. Alles verriet die Annäherung an einen Mittel 
punkt des Weltverkehres. Jetzt verkündet ein Iubelruf der Matrosen, daß ihr scharfes 
Auge einen Sonnenblitz von der Goldkrone Melkarts erhascht hatte, dessen kolossale 
Bildsäule aus einem oben offenen Tempel von Tyrus emporragte. Bald gewahrte 
man die Zinnen der mächtigen Stadt, die wegen ihrer weißschimmernden Gebäude 
nicht mit Unrecht den Namen „Silbertasse" erhalten hatte. Gewaltige Ringmauern, 
unmittelbar aus dem Meere aufsteigend und nur für zwei Häfen die nötigen Zugänge 
lassend, umschlossen die Insel. Um eine Ecke biegend, lief nun das Fahrzeug in den 
starkbefestigten Hafen ein, wand sich durch ein Gewimmel von Schiffen und Booten 
hindurch und legte endlich an der ihm angewiesenen Stelle des Kais an. Das 
stolze Tyrus war erreicht. Wenn nun der Reisende das Schiff verließ, so führten 
ihn mächtige Treppen in breiter gewaltiger Flucht nach dem mit Säulenhallen, 
Tempeln und Palästen umsäumten Hauptplatze. Hier hatte ringsum die phönizische 
Kunst ihr Schönstes und Bestes geleistet. Wie ein Schatzkästlein zierlich gebildet, 
erhob sich blendend das Stadthaus und nicht ferne davon der berühmte Tempel des 
Baal-Melkart. Brunnen sprangen, und Götterbilder sahen von der Höhe köstlicher 
Säulen herab. Tiefblau stand der Himmel über dem blanken, kunstvollen Steinwerke; 
doch wo die Glut der Sonne zu heftig brannte, da waren weite Purpurdecken über 
ganze Gassen gespannt. Allenthalben wogte ein unendlich reiches, farbenprächtiges 
Leben und bot dem Reisenden ein Bild dar, zu welchem hinsichtlich der Anlage der
	        
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