Full text: Nationale Bodenreform

A nächstem Tage hat der Reichstagabgeordnete Dr. 
Ernst Har men ing einen Vortrag gehalten: Wa- 
rum erstreben wir Bodenreform? Der Vortrag ist im 
Jahrgang 1898 von Frei Land erschienen. 
Harmening hat in seinem Vortrage ausgeführt, daß 
es nie leicht gewesen sei, Vertrauen für Vorschläge zu 
gewinnen, deren Ausführung eine tiefgehende Änderung 
bestehender Gesetze bedinge. Man spräche viel von so- 
zialen Schäden, aber man möge nicht gern als Ursache 
dieser Schäden Verhältnisse bezeichnet hören, in die wir 
uns völlig hineingelebt hätten. Es sei eine wunderliche 
Tatsache, daß der Nationalreichtum wachsen und das 
Wohlbefinden der Masse abnehmen fönne. Die Nation 
habe ungezählte Milliarden Vermögen und der Staat 
habe Schulden. Im Jahr 1885 seien 11% Millionen 
Menschen in Gemäßheit des Gesetzes über den Unter- 
stützungwohnsitz mit über 92% Millionen Mark Almosen 
unterstützt worden. Weit größere Mittel brächten die 
private Wolltätigkeit und die in den Gemeinden be- 
stehenden Anstalten auf. 
Aus der Einsicht, daß die Philanthropie unzulänglich 
sei, sei die Jdee erwachsen, daß eine Neuordnung der 
wirtschaftlichen Verhältnisse herbeigeführt werden müsse. 
Vom Individualismus mit seiner unzureichenden Phil- 
anthropie zum Sozialismus mit einer gerechten Güter- 
verteilung. Die wirtschaftliche Gerechtigkeit erfordere 
nicht, daß alle Menschen gleich arbeiten, gleich viel ge- 
nießen und daß sie gleich reich seien. Sie verlange nur, 
daß jedem möglichst das gehöre, was er erzeuge. 
Den Weg zu finden, der zu diesem Ziele führe, sei die 
Aufgabe der Bodenbesitreformer. Wer eine gesunde So- 
zialpolitik treiben wolle, müsssse für das Recht auf den 
vollen Arbeitertag eintreten. Jedes arbeitlose Einkom- 
men sei eine Ungerechtigkeit. Die Quelle des arbeitlosen 
Reichtums sei der Grund und Boden. Seine Unver- 
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