Full text: Das Ich und der Staat

. V. Überstaatliche Bindungen des Jchs 
tragisch, die Mitglieder der germanischen’ Seminare unserer Univer- 
sitäten zu überblicken. (Ich selbst habe dazu gehört.) Wie viele 
Juden es endlich unter den „deutschen Dichtern’ gibt, weiß so manch 
ein Hüter deutscher Kunst zu seinem Zorn.“ 
Wos für einen Zweck Goldstein mit seinem Alarmruf verfolgte, 
trat nicht eindeutig klar hervor. Er wollte wohl die deutschen Juden 
dazu aufstacheln, sich zusammenzuschließen und es sich nicht länger 
gefallen zu lassen, daß ihnen die Berechtigung bestritten werde, 
„„den geistigen Besitz des deutschen Volkes zu verwalten““. Sein 
Angriff richtete sich in erster Linie keineswegs gegen die Antisemiten, 
sondern gegen die deutschen Juden, die nichts merkten von der 
Rolle, „die wir im deutschen Kulturleben spielen“", die ängstlich 
darüber wachten, „daß auch die andern nichts merkten“’, und die 
gezwungen werden sollten, ,;sich als Juden zu bekennen oder sich 
taufen zu lassen“’. Hinter dem, was Goldstein mit ungewohnter 
Offenheit aussprach, schlummerte vermutlich der Hintergedanke: 
eine feindselige Abschließung, ein Sichzurückziehen der Juden aus der 
deutschen „Kultur““ können die Deutschen gar nicht aushalten. Wie 
das ein anderer, der Wiener Literat Hugo Bettauer — der in der 
Folge von einem völkischen Fanatiker erschossen wurde ~ in einem 
Roman ,,Die Stadt ohne Juden“’ (Wien 1924) noch offener als 
Goldstein ausgesprochen hat. Der Roman geht aus von einer ange- 
nommenen, verfassungsmäßigen Austreibung der Juden aus Öster- 
reich und schildert die Rückwirkung dieser Maßregel auf Wien, die 
in der völligen „„Verdorfung““ dieser „einst so blühenden Stadt'‘ be- 
stehen soll. Man sieht: für Bettauer ist „auf dem Dorfe““ leben, 
die Großstadt entbehren sollen, der sschrecklichste der Schrecken. Für 
Goldstein wie Bettauer ist das, was sie ,die deutsche Kultur““ 
nennen, nichts anderes als die großstädtische Oberflächenkultur, 
und dafür, wie schmerzlich sich die am deutschesten empfindenden 
Deutschen von dieser Kultur wegsehnen, fehlt ihnen offenbar jedes 
Verständnis. 
Von den Erwiderungen, die jüdischerseits auf die Ausführungen 
Goldsteins eingingen, dient der Sache am besten die von Ernst 
Lissauer, im ersten Aprilheft des Kunstwarts von 1912. Daraus 
seien folgende Sätze hervorgehoben: 
„„Die Juden sind in einem Zwischenzustand. Die Befreiung der 
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