Full text : Das Ich und der Staat

V. Überstaatliche Bindungen des Jchs
der adlig-höfischen Gesellschaft emporgestiegen. Den Rückweg in
die Schichten, wo die ewigen Quellen des Volkstums sprudeln, fand
er nicht mehr, und so rettete er sich in die wolkenhohen Hallen eines
literarisch-künstlerischen Weltbürgertums. Dort begegnete er sich mit
den Juden, die Stammverwandte in allen Völkern hatten und
denen ein weitherziges Weltbürgertum, als Pflaster auf die große
Enttäuschung, deshalb mehr zusagen mußte, als das unklar-leidenschaftliche
 Ringen eines zerrissenen Volkstums um seinen Staat.
Mit dem weltbürgerlichen Goethe die deutsche Geschichte anzufangen,
 diese Neigung ist den Juden seitdem geblieben ~ ähnlich
wie die Sozialdemokraten die Neigung nicht überwinden können, die
Weltgeschichte mit Karl Marx anfangen zu lassen ~ ja, in der
geistig führenden Schicht hat sich diese Neigung mit den Jahren
immer mehr vertieft. Und das unbewußte Streben geht dahin, auch
die Deutschen dahin zu führen, daß sie im weltbürgerlichen Goethe
das wertvollste Erzeugnis ihrer Kultur sehen. Von diesem gemeinsamen
 Richtpunkt aus würde sich dann die gemeinsame „,,Weltanschauung‘“
 für Juden und Deutsche unschwer gewinnen lassen.
Gerade das aber ist es, was das deutsche Ich nicht mitmachen
kann, das sich im Deutschtum tiefer verwachsen und verwurzelt
fühlt, als der weltbürgerliche Goethe zurückreicht. Oder sollen wir
glauben, daß 18 oder 17 Jahrhunderte einer an stolzen Hoffnungen
und schweren Enttäuschungen überreichen Geschichte, die jenseits
des Eintritts der Juden in die deutsche Volksgemeinschaft liegen,
für das deutsche Ich von heute bedeutungslos seien? Es dies glauben
zu machen, ist das unbewußte Streben des jüdischen Ichs, das sich
berufen fühlt, „den geistigen Besitz des deutschen Volkes zu verwalten“.
 Das gute Recht des deutschen Ichs aber, das den Zusammenhang
 mit der ganzen reichen Vergangenheit des Deutschtums,
auch über den Weltbürger Goethe zurück in sich lebendig fühlt
das gute Recht dieses deutschen Ichs ist es, sich gegen das Streben
jüdischer Ichs, in Sachen des Deutschtums die Führung an sich zu
reißen, zur Wehr zu setzen. Mit denselben geistigen Waffen, mit
denen allein derartige Kämpfe nutzbringend ausgetragen werden
können.
Worum es bei diesem Teilstück des Führer-Problems geht, mag

0 6
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.