Full text : Das Ich und der Staat

Das Problem
D: Jahrzehnt von 1914-1924 ist eine Zeit lebhafter Auseinandersetzung
 des deutschen Ichs mit dem deutschen Staate
gewesen. Von bedingungsloser Hingabe bis zu wütendem Haß haben
die Gefühle des Ichs gegenüber dem Staate so ziemlich die ganze
Stufenleiter durchlaufen. Nur in den Zustand lauwarmer Gleichgültigkeit,
 die vor dem Kriege das satte Ich dem Staat gegenüber
zumeist beherrschte, sind wir noch nicht zurückgesunken. Das Verdienst
 ist weniger auf unserer Seite, als auf Seiten unserer begünstigteren
 Kriegsgegner, die uns immer noch mit gemischten
Gefühlen der Furcht und der Feindseligkeit im Nacken sitzen und
dafür sorgen, daß das Ich dem Staate viel zu hilfsbedürftig
gegenübersteht, als daß es ihm einfach den Rücken kehren und
ans geliebte Geschäft des Geldverdienens gehen könnte. Wenn
das Schicksal es gut mit uns meint, so kehrt uns jener Zustand
so bald nicht wieder.
Die Gefahr kann gleichwohl noch keineswegs als überwunden
gelten. Dazu gibt es schon wieder zuviel Leute, die nicht recht wissen,
ob sie den Staat überhaupt für eine lebendige Wirklichkeit halten
dürfen, und die es vorziehen würden, in ihm nur einen Hilfsbegriff
 grübelnder Staatswissenschaftler oder streitender Politiker
zu erblicken. Im August 1914 war das anders. Damals, als sich
über Nacht eine Welt in Waffen gegen den deutschen Staat aufrichtete,
 fühlte jedes deutsche Ich es unmittelbar, daß es ein Stück
seines eigenen Lebens war, das da in Gefahr geriet, zerstört zu
werden. Und noch einmal fühlte jedes deutsche Ich den Boden
unter den Füßen schwanken, als im Herbst 1918 das Gefüge der
deutschen Staatsform ins Wanken kam. Auch damals, als das
Ende nahe zu sein schien, hat ebensowenig jemand an der lebendigen
Wirklichkeit des Staates gezweifelt, der ihn mit in den Abgrund
zu reißen drohte, wie vier Jahre vorher, als jeder bereit war, sein
eigenes Leben für das Leben des bedrohten Staates mit einzusetzen.
Harms, Das Ich und der Staat 1
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.