Full text : Das Ich und der Staat

VI. Deutsche Diesseitsreligion „
Und der Russe? Dessen Staatsform unter den Stößen und
Schlägen des schwerwunden deutschen Kämpfers doch auch zussammengebrochen
 ist? Der Russe treibt heute, unter dem Deckmantel
 eines volksbeglückenden Kommunismus, national-russische
Politik mit solcher Zuversicht und solchem Selbstvertrauen, daß der
weiland Zarismus ihn darum beneiden könnte! Und auch der Teil
der russischen Gesellschaft, der dem Sowjet-Kommunismus innerlich
ablehnend gegenübersteht, fügt sich, nicht nur aus Ohnmacht,
o nein, zum nicht geringen Teil bereits aus freiem Entschluß, seit
er gesehen hat, daß den Sowjet-Diktatoren die Selbstbehauptung
der staatlichen Lebensform Rußlands gelungen ist.
Von all diesen Völkern und einigen andern mehr + es sei nur
der Türken und der Japaner gedacht ~ können wir Deutschen
lernen, ohne in einen Überschwang zu verfallen, der unserer Neigung
zu bohrender Selbstkritik doch nicht lange standhalten würde.
Wir können die Verquickung von staatspolitischer Diesseits-Religion
 und metaphysischer Jenseits-Religion, wie sie namentlich
auf angelsächsischem Boden so üppig gedeiht, im Vaterlande Kants
nicht gebrauchen. Wir haben am Größenwahn einer Weltsendung
französischen oder panslavistischen Stils noch genug und übergenug.
 seit Wilhelm II. mit der Züchtung dieses Wahns so kläglich
gescheitert ist.
Uns liegt die Heuchelei nicht, uns bar jeder Selbstkritik als
„uwuserwähltes Volk““ aufzuspielen, uns bei jedem politischen Geschäft
 so zu haben, als hätten wir dem Herrgott beim Mischen der
Karten über die Schulter gesehen.
Wir brauchen klare Erkenntnis für das, was wir sollen, und feste
Grenzen für das, was wir wollen. Durch den Staat der Deutschen
sollen wir für die Menschheit wirken, und weil wir das sollen,
deshalb müssen wir den Staat der Deutschen wollen, mit allen
Kräften unserer Seele. Das ist die einfache und doch unserer Vergangenheit
 und unserer Naturanlage nach für uns so ungeheuer
schwere Aufgabe, vor die wir gestellt sind!
Weit, himmelweit sind wir noch von dem Ziel entfernt, daß uns
das, was wir, der Grundforderung einer deutschen Diesseits-Religion
gemäß, wollen sollten, so selbstverständlich wäre, wie es das dem

1 25
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.