.. VI. Deutsche Diesseitsreligion
rechtigung der britischen Vorherrschaft auf allen Meeren anzuzweifeln
gewagt hatten. Und wir stellen mit Befriedigung fest, daß
der englische Gottähnlichkeits-Dünkel seit dem Ausgange des Weltkrieges
an Selbstsicherheit doch einiges eingebüßt zu haben scheint.
Gleichwohl sollten wir uns hüten, zu verkennen, daß das Bewußtsein,
das „auserwählte Volk“’ der Neuzeit zu sein, der britischen
Politik eine gefühlsmäßige Sicherheit gegeben hat, um die wir das
britische Volk beneiden dürfen – am besten allerdings, ohne dem
Gefüh! des Neides einen so ungeschickten Ausdruck zu geben, wie es
in Deutschland wiederholt und in der Regel zur Unzeit geschehen ist.
Ist der Engländer zufrieden im Bewußtsein, dem „auserwählten
Volk““ anzugehören, so begreift der Franzose nicht, wie es Menschen
geben kann, die nicht beglückt sein würden, unter der Herrschaft des
auserwählten Volkes – als welches er natürlich das französische
betrachtet – zu stehen. Keinem Volke vielleicht ist der Glaube an
den eigenen Staat bereits so zur täglichen Gewohnheit des Daseins
geworden, wie den Franzosen. Das „L’Etat c'est moi” der absoluten
Herrschaft des ancien régime ist durch die Revolution und
die napoleonische Gloire jedem Franzosen in Fleisch und Blut übergegangen,
und das Bewußtsein, daß es für ein menschliches Ich
nichts Beglückenderes geben könne, als Franzose zu sein, hat dadurch,
daß die größten Mächte der alten und der neuen Welt sich
ängstlich darum bemühten, Frankreich vor dem Erliegen vor der
überlegenen deutschen Kriegskunst zu bewahren, natürlich neue
Nahrung erhalten. Es steigert sich nicht selten zu Formen, die von
krankhaftem Größenwahn nicht allzu weit mehr entfernt sind, und
wird wirksam gedämpft nur durch die betrübliche Erkenntnis. daß
die Welt die Wertschätzung, die sie dem französischen „Geiste“ so
bereitwillig entgegenbringt, nicht ohne weiteres auch auf die Wertung
des französischen Franken zu übertragen geneigt ist.
Von jeder inneren wie äußeren Hemmung frei ist der Glaube des
Amerikaners an seinen Staat. Seit die Vereinigten Staaten dem
von vierjährigem Kampf gegen mehrfache Übermacht erschöpften,
halbverhungerten, aus tausend Wunden blutenden deutschen Kämpfer
den Knock-out gaben, zweifelt der Amerikaner nicht mehr, daß
er kann, was er will, und daß, was Amerika tut, schlicht und
einfach „der Wille Gottes““ ist.
DA.