Full text : Das Ich und der Staat

“ II. Zwischen Schulpflicht und Bürgerpflicht
seine Moral nicht heillos zerfressen worden ist in der großen Nervenkrise
 der vier Nachkriegsjahre 191901922. Die Nachwehen der
Nervenkrise zu überwinden, ist die Aufgabe der Übergangszeit, die
recht und schlecht verbrauchen muß, was in den ersten Jahrzehnten
des neuen Reiches geboren ward. Aber erst wenn von denen, die
1914 als Kriegsfreiwillige hinauszogen und die der mörderische
Krieg übriggelassen hat, die ersten auf den Ministersesseln angelangt
sind, worauf sich heute noch Nutznießer der Revolution oder Vernunft-Republikaner
 mehr oder minder behaglich dehnen; dann erst
wird der neue Staat offenbaren können und offenbaren müssen, wes
Geistes Kind er ist.
„„Es wird eine große Freiheitsbewegung kommen. Geschrei nach
Republik. Eigentlich wäre auch mein Geschmack Republik, aber eine
recht strenge, der zuchtlosen Willkür eine Schraube, daß ihr das
Blut aus den Nägeln spritzte, und die gibt's nicht mehr.““ So klagte
schon Vischers Auch Einer von der Zeit vor 1848. Daß die Neugründung
 vom November 1918 nicht als die ,strenge‘“ Republik
gemeint war, die vom ehernen Pflichtbegriff ihre Staatsordnung
herleitet, haben wir inzwischen erfahren. Was hat die Republik,
die sozial sein wollte und mit der Unterwerfung unter den Siegerkapitalismus
 anfing, die sich in den Schatten der Weimarer Geistestitanen
 flüchtete, um offen ihre Abkehr vom Geiste von Potsdam
zu bekunden ohne den doch kein Staat der Deutschen geworden
wäre — was hat diese arme Republik ihren Bürgern zu bieten, das
ihnen die neue Staatsform lieb und wert machen könnte? Lieb und
wert kann die neue Staatsform erst einem Geschlechte werden, das
sie nicht als Notbehelf hingenommen, sondern das sie sich erarbeitet
 hat. Und das Ergebnis dieser Arbeit wird die Synthese
des Geistes von Weimar mit dem Geiste von Potsdam sein ~ oder
es wird vergänglich sein, wie es das Werk vom 18. Januar 1871
war.
Nicht auf fremdem Boden, auf deutscher Heimaterde muß der
Staat der Deutschen neu gegründet werden, wenn er dem Volk
eine Behausung werden soll, für die es sich selbst einsetzt bis zum
letzten Blutstropfen. Das kann nur ein Haus sein, worin das
Deutschtum der Lessing und Kant, der Goethe und Schiller die
gleiche Achtung und den gleichen Rang genießt wie das Deutschtum

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