IV. Das Jch als Massenteilchen
läuternd wirkt, indem es alle Beteiligten zwingt, die Berechtigung
ihres Standpunktes auch im stillen Kämmerlein für sich sselbst von
Zeit zu Zeit nachzuprüfen.
Daß es im Meinungskampf der Zeitungen untereinander im
lieben Deutschland noch recht urwüchsig zugeht, ist bedauerlich und
hängt mit der politischen Unreife des ganzen Volkes organisch zu-
sammen. Allmähliche Besserung ist durchaus wünschenswert. Aber
man soll von Zeitungen auch nicht zu viel verlangen! Man soll
von der Zeitung, die das Kind des Tages ist, nicht verlangen, daß
sie rede wie ein Buch, das für die sogenannte Unsterblichkeit be-
stimmt ist. Daß sie eine durchgebildete Form zeige, ist aufs innigste
zu wünschen und sollte, gerade um des deutschen Erbübels der
Formlosigkeit willen, so allgemein und so nachdrücklich wie nur
möglich verlangt werden. Von der Zeitung aber die geglättete Form-
kultur höchster Geistesbildung zu fordern, wäre unbillig. Höchste
Bildung ist keine wildwachsende Pflanze, und je größer die Massen
sind, zu denen eine Zeitung zu reden hat, um so „„gemeinverständ-
licher‘“ wird ihre Form sein müssen. Wollte man die dreißig Höchst-
gebildeten aus ganz Deutschland zur Schriftleitung einer Muster-
zeitung zusammentrommeln —~ es würde dieser Zeitung sehr bald
an Lesern fehlen, wenn sie sie je in nennenswerter Zahl gehabt hätte.
In der Masse überwiegt eben nicht die Bildung, sondern die Halb-
bildung, weshalb an der leidigen Tatsache nie ganz vorbeizukommen
sein wird, daß die stärkste Anwartschaft auf Erfolg immer die
Zeitung hat, die zielbewußt von Halbgebildeten für Halbgebildete
gemacht wird. Man muß schon zufrieden sein, wenn es in der er-
folgreichen Zeitung nicht an maßgeblichen Kräften fehlt, die über
dem Drang in die Breite den Drang in die Tiefe nicht ganz verlieren.
Was das Massenteilchen Ich heute, außerhalb seines Geschäfts
und seines Vergnügens, an Anregung zu geistiger Tätigkeit be-
kommt, stammt überwiegend aus der Zeitung. Die Zeitung über-
mittelt dem Ich den Stoff und die Anweisung, wie es sich zur
äußern und zur innern Politik, zur Wirtschaft und zur Kirche, zur
Kunst und zur Wissenschaft, zu den „kommunalen““ und zu den
„kosmischen‘“ Angelegenheiten einstellen soll. Was auf der Erde
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