Full text: Das Ich und der Staat

— IV. Das Jch. als Massenteilchen 
Das zeitunglesende Ich nimmt das, was die Zeitung sagt, auch 
heute noch wörtlich ~ oder es schimpft auf die Zeitung, weil sie 
nicht genau das noch einmal gesagt hat, was es sich ohnedies schon 
gedacht hatte. Das zeitunglesende Ich hat vor der Allwissenheit und 
der Allgegenwart der Zeitung eine geradezu abergläubissche Furcht 
und ist doch stets geneigt, den Verfasser eines Artikels, der seiner 
vorgefaßten Meinung nicht entspricht oder liebe Gewohnheiten zu 
erschüttern droht, einen „böswilligen Ignoranten““ zu schelten. Was 
sich „gebildete‘“ Deutsche, will sagen mit dem ganzen Dünkel einer 
oft nur eingebildeten Bildung ausgerüstete Deutsche an Zuschriften 
an ihre Zeitung leisten, davon wird jeder, der zum Bau gehört, ein 
Lied singen können, das für die deutsche Bildung sehr wenig 
schmeichelhaft klingt. 
Der erfahrene Zeitungsmann grollt dem zeitunglesenden Ich 
darüber weiter nicht. Er weiß, daß das Zeitunglesen gelernt sein 
will ~ und wo soll es das lesende Ich gelernt haben? Durch Selbst- 
erziehung? O ja, das geht, und es ist der schlechteste Weg wahr- 
haftig nicht. Aber er erfordert mehr Zeit und im Anfang auch mehr 
Geld, als der Durchschnittsdeutsche auf die Zeitung zu verwenden 
gewöhnt ist. Denn wer ins Wesen der Zeitung eindringen will, darf 
sich nicht von vornherein auf eine und dieselbe Zeitung festlegen. 
Und davon abgesehen: die Gabe, sich selbst zu erziehen, darf nicht 
als so weit verbreitet vorausgesetzt werden, wie die Gabe, lesen und 
schreiben zu lernen. 
Lesen und Schreiben lernt das Ich in der Schule. Warum lernt 
es da nicht auch die wichtige Unterabteilung der Lesekunst, die die 
Überschrift trägt: Wie lese ich eine Zeitung? Im Mittelalter war 
das verbindende Mittel zwischen dem Ich und der Bildung der Zeit 
die lateinische Sprache; es war sselbstverständlich, daß, wer an der 
Bildung der Zeit teilhaben wollte, Latein lernen mußte. Heut ist 
das verbindende Mittel zwischen dem Ich und der Bildung der Zeit, 
für die Mehrzahl der Menschen, die Zeitung geworden. Sollte es 
nicht auch selbsstverständlich sein, daß sie das Zeitunglesen ~ lernen 
müssen? 
Ansätze dazu gibt es, sicher aber spielt das Massen-Denkorgan, 
das die Zeitung im Laufe der Entwicklung eines halben Jahr- 
hunderts geworden ist, in der staatlichen Erziehung des Ichs durch 
((
	        
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