IV. Das Jch als Massenteilchen T
nicht nur theoretisch verneinen, sondern die ihm praktisch ans Leben
wollen, zur Wehr zu setzen, solange er die Macht dazu hat. Aber
der Staat mißbraucht seine Macht, wenn er sie dazu benutt,
Parteien gewaltsam zu unterdrücken, nicht weil sie eine Gefahr für
den Staat, sondern nur, weil sie eine Unbequemlichkeit für die
augenblicklichen Machthaber und ihre Politik sind. Solch ein Miß-
brauch pflegt sich, wie der deutsche Staat zu seinem Schaden er-
fahren hat, früher oder später schwer zu rächen. Den Luxus,
Parteien, die Millionen von Anhängern umfassen, und denen die
wirtschaftliche Entwicklung immer neue Anhänger zutreibt, als
„Reichsfeinde““ zu behandeln, wird sich der machtlose Staat der
Deutschen von heute nicht mehr leisten können.
Aber auch das Ich wird sich zur Partei anders einstellen müssen,
als es im Vorkriegsstaat des Landes der Brauch war. Es wird sich
daran gewöhnen müssen, in der Partei ein Mittel zur politischen
Betätigung zu sehen, dessen sich jedes unbescholtene Ich nach freier
Wahl und eigenem Geschmack bedienen darf, ohne davon gesell-
schaftliche Nachteile befürchten zu müssen. Die Anschauung, daß
Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei das eine deutsche Ich für
ein anderes deutsches Ich „verkehrsunfähig‘“ mache, wird aus dem
öffentlichen Leben verschwinden müssen, wenn das deutsche Volk
mit Völkern, die dies Vorurteil bereits hinter sich gebracht haben,
gleichen Schritt halten will. Je mehr persönliche Freundschaften
sich vom Massenteilchen Ich der einen Partei zum Massenteilchen
Ich der Gegenpartei hinüberspinnen, umso angenehmer wird es sein,
im öffentlichen Leben Deutschlands mitzutun. Und von einem Zu-
stand, wovon sich bekennen ließe, „es ist eine Lust zu leben“, sind
wir einstweilen leider noch weit entfernt.
Anziehung und Abstoßung, Liebe und Haß sind die Kräfte, die
zwischen den organisierten Massen der Parteien wirksam sind und
das Getriebe des innern Staatslebens im Gang halten. Wenn aber
die abstoßende Kraft zwischen zwei Parteien oder zwei Parteigruppen
eines und desselben Staatsvolkes größer wird, als das gesunde
Mißtrauen, das zwischen heimischer Partei und fremdem Volkstum
immer bestehen sollte, dann ist das ein Anzeichen dafür, daß die
Seele jenes Staatsvolkes aus dem Gleichgewicht geraten ist. So
lange deutsche Parteien, welcher Richtung sie auch angehören mögen,
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