88 Die Rezension
Kritik, muß notwendig und wesentlich Reflexionskritik sein, ebenweil
sie ein Urteil des Verstandes und als solches das Resultat der geistigen
Vergleichsarbeit des Kritikers sein soll.
3. Die Wahrheit muß von der Kritik auch mit der
notwendigen Klarheit ausgesprochen werden. „Es ist in
der Wissenschaft“, bemerkt Juan Luis Vives mit Recht,
„nichts verderblicher, als eine Verwirrung des Urteils, ge-
rade wie im Leben eine Verwirrung der Absichten und des
Wollens, so daß man nicht weiß, was jemand eigentlich
billigt und was nicht, wie es heutzutage oft geschieht, wo
es sehr gefährlich ist, sich über etwas auszusprechen. So
aufgeregt sind die Geister und kampfbereit, daß es nicht
sicher ist, auch nur andeutungsweise etwas zu berühren,
selbst wenn man einen ganz anderen Zweck im Auge hat“*).
Soll die Kritik ihrer Aufgabe gerecht werden und über
den Wert oder Unwert einer wissenschaftlichen Leistung
aufklären, so darf sie der wünschenswerten Klarheit und
Entschiedenheit nicht ermangeln. Sie soll niemand darüber
im Zweifel lassen, wie es nach dem Urteil des Kritikers
mit dem in Frage kommenden Werke steht und was von
seinem Werte zu halten ist.
Freilich gilt das, was Vives von seiner Zeit (1492—1540) be-
merkt, in vieler Beziehung nur zu sehr auch von der Gegenwart. Es
scheint fast, daß die vielfach beklagte nervöse Schwäche nur zu oft
eine ganz anormale Empfindlichkeit zur Folge hat, die ein klares und
entschiedenes Wort überhaupt nicht mehr ertragen kann. Dazu kommt
in vielen Kreisen das ungesunde Streben, auch in der Wissenschaft
durch Kompromißpolitik die bestehenden Gegensätze auszugleichen
und den Gegner zu gewinnen. Nur zu oft muß bei einer derartigen
Versöhnung die Klarheit und nicht selten auch die Gerechtigkeit und
Wahrheit sich mehr gefallen lassen, als mit der Würde und Bedeu-
tung der Kritik vereinbar ist.
4. Klarheit und Entschiedenheit sollen jedoch keines-
wegs das Wohlwollen hindern, das jede Beurteilung
begleiten muß, soweit Gerechtigkeit und Wahrheit es er-
möglichen. Wo es sich um wissenschaftliche Arbeiten
’) J. L. Vives, Über den Lebenswandel und die sittlichen Grund-
sätze des Gelehrten, Kap. 2, in: Bibliothek der kath. Pädagogik 8, 352.