Die Rezension
Über die Eigenschaften und Fehler der Kritik spricht sich Juan
Luis Vives eingehend aus im zweiten Kapitel seines Werkes „Über
den Lebenswandel und die sittlichen Grundsätze des Gelehrten“; auch
Antonio Possevino hat diese Ausführungen in seine Schrift über „die Aus«-
bildung des Geistes“ (47. Kapitel) aufgenommen (vgl. Bibliothek der
kath. Pädagogik 8, 352—5; 11, 494—8). Unter anderem bemerkt er:
„Wie groß ist der Schaden, den die Wissenschaft durch solche Gehässig-
keiten erleidet! Alle Autorität derer, die erbittert streiten und sich
gegenseitig grimmig befehden, entschwindet; ausgezeichnete Geister
verlieren den Mut, da sie Ekel ob der Bitterkeit des ewigen Wort-
gezänkes empfinden und dadurch den einst so liebgewonnenen Studien
ganz entfremdet werden. Dabei schwindet der Fortschritt in den
Wissenschaften und die Wahrheit wird verdunkelt, da manche die
Studien lieber in Verfall geraten als von ihren Feinden gefördert sehen
wollen... Der Gelehrte soll also bedächtig im Urteil und nicht eigen-
sinnig im Behaupten sein. Will er über einen Gegenstand ein abfälliges
Urteil aussprechen, so lese er ihn wieder und wieder, wende und drehe
und betrachte ihn nach allen Seiten, damit er nicht im Verurteilen un-
bedachtsam vorangehe. Beim Lobe hingegen braucht er wohl weniger
vorsichtig zu Werke zu gehen. Was er aber verurteilt, muß er hin-
länglich verstehen, damit nicht derjenige, den er an den Pranger stellen
will, mehr Gründe für sich als er gegen ihn habe. Klüger dürfte es
sein, sich lieber überhaupt nicht auszusprechen, als das Verdammungs-
urteil auf den Richter selbst zurückfallen zu lassen. Wenn ich nun
solche Vorsicht oder besser gesagt solches Wohlwollen von einem Ge-
lehrten verlange, was soll ich dann von Männern denken, welche das,
was richtig gesagt ist, erst verdrehen und entstellen, um mit desto
mehr Grund den Gegner zerzausen zu können? Denn wenn es oft
nützlich ist, etwas in einem besseren Sinne auszulegen, so muß man
es als einen großen Frevel ansehen, alles zum Schlechteren zu ver-
drehen. Ich habe Hadrian Florent, den nachmaligen Papst, als er
noch Dekan der Universität Löwen war, in öffentlichen Disputalionen
oft alle von gegnerischer Seite vorgebrachten Stellen aus Autoren zu
seinen Gunsten verwenden hören, aber nie hat er sie verächtlich zurück-
gewiesen, auch wenn sie noch am Leben waren. Über Lebende muß
man mit mehr Vorsicht, über Tote mit mehr Ehrfurcht urteilen, weil
sie, dem Neide nicht mehr zugänglich, schon ihrem Richter überant-
wortet und jenem Gerichte unterworfen sind, das uns alle erwartet.
Diese Rücksicht gilt besonders hinsichtlich ihres sittlichen Lebens-
wandels. Über ihre wissenschaftlichen Leistungen mag man etwas
freimütiger sich äußern. Bei Beurteilung eines Buches ziemt es sich
nicht, die Rücksicht auf Vaterland, Alter oder Schule des Verfassers
vorwiegen zu lassen ... Wer in dem einen oder anderen Worte jemand
verbessert hat, darf nicht gleich für gelehrter gelten wollen als jener, noch
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