or Die Rezension
und mir ins Ohr sagen: Bruderherz, der Cicero hat noch mehr ge-
schrieben als Reden gegen den Verres. In einer kleinen Stadt kam
die Frau Nachbarin — sie war einäugig und sah auch mit dem einen
Auge nicht recht — einmal in die Kindstube ihrer Base. Da bekam
sie von ungefähr, wie es eben geht, beim ersten Anblick nur die Füße
des neugeborenen Kindes zu Gesichte und entdeckte keine Nase, Schnell
griff sie wieder nach der Türe und sagte es der ganzen Stadt geheim-
nisvoll ins Ohr: ein Kind ohne Nase! Die Mähre hatte alle Weiber
und Mädchen in die Kirche gezogen, um das Kind ohne Nase bei Ge-
legenheit der heiligen Taufe zu sehen. Man brachte den frischen Buben
in die Kirche und nun fand sich die ganze Stadt betrogen, Es war
ein Kind mit einer gewöhnlichen Menschennase. Der Vater des Kindes
forschte bis auf den Ursprung des Märchens und entdeckte ohne Mühe,
daß die Frau Nachbarin die Nase an den Füßen suchte. Gerade so
ging es dir, lieber Bruder. Stattlers Urteil von der Erbsünde steht im
Traktate von der Erbsünde, seine Urteile über die Sakramente stehen
m Traktate von den Sakramenten und sein Urteil von der Mensch-
werdung im Traktate von der Menschwerdung. Die Nase steht im Ge-
sichte“ (p. 102. Aichinger p. 53 f).
Ein schönes Beispiel für das Verhältnis, wie es zwischen Kritikern
und Gelehrten herrschen sollte, bieten der Benediktiner Jean Mabillon
und der Bollandist Daniel Papebrock in zwei Briefen, die wir aus der
französischen Bearbeitung unseres Buches (p. 51 f) hier anführen wollen.
Mabillon hatte in seinem Werk De re diplomatica die Ansichten Pa-
pebrocks bekämpft und widerlegt. Daraufhin schrieb dieser ihm den
folgenden Brief (aus Antwerpen, 20. Juli 1693): „Je ne puis assez
admirer comment en si peu de temps vous avez pu faire une telle
besogne ... Sur quelques points, peut-ötre, n’ai-je pas 6t6 suffisamment
compris, ou vous-m6me avez-vous parle obscurement. Mais qu’ est-ce que
cela en regard de tant d’erreurs que signale et corrige Votre Reverence ?
Loin que je m’en offense, je me sens ä ce titre plus que jamais votre
oblige. Au debut de ma lecture, j’ai ressenti, je l’avoue, quelque
desagrement, humanum aliquid, mais bientöt le plaisir produit par un
sujet si utile et si solidement traile, l’agreable 6clat de la lumiere
partout brillante et jointe a 1’ admiration devant tant de choses, jusque-lä
inconnues pour moi, m’ont saisi au point que je n’ai pu me contenir
et que j’ai ä l’instant meme fait part 4 mon compagnon, le Pöre
Baert, du tresor que je decouvrais. Quant ä vous, en toute occasion, ne
craignez pas de dire que je suis tout entier de votre avis. Continuez de
m’ aimer comme vous faites, moi qui ne suis point savant, mais desire
m’ instruire.“
Die Antwort Mabillons lautete: „A mon retour d’ Allemagne, on
m’a remis la lettre dans laquelle vous exposez votre sentiment sur
mon ouvrage. Je ne puis me lasser d’admirer une si grande modestie
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