Studium und Lektüre
zu oft ein steiler Bergpfad und viel bequemer ist es, sich
mit dem Rinnsal zur Seite des gewohnten breiten Weges
zu begnügen.
Für die Notwendigkeit eines Hinweises auf diese For-
derung zeugt auch die beschämende Tatsache, daß sich
selbst auf wissenschaftlichem Gebiete ein fabrikmäßiger
Handelsbetrieb an die Öffentlichkeit wagen kann, der es
auf die direkte. Umgehung der eigenen persönlichen Arbeit
abgesehen hat. Daß einem private Bittschriften aus dem
Auslande mit hohem Honorarangebot und mit der flehent-
lichen Bitte um .eine wissenschaftliche Doktordissertation
über ein bestimmtes Thema zugehen, wird man zwar nicht
Joben, aber doch begreiflich finden können; man wird dabei
nur den Bittsteller bedauern, dessen Gesuch trotz alles
Flehens dem horror vacui des Papierkorbes zum Opfer fällt.
Aber daß sich sogar im heiligen deutschen Reiche eigene
Institute für diesen fabrikmäßigen Unterschleif auf wissen-
schaftlichem Gebiete bilden und ihre Ware in der Öffent-
lichkeit anpreisen dürfen, das mag manch einer unter den
Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts wohl kaum
vermutet haben.
Der Abgeordnete Dr. M. Flemisch macht in der „Allgemeinen
Rundschau“ (3 [1906] 194 f) auf diese wenig erfreuliche Tatsache auf-
merksam. Er nennt drei von diesen wissenschaftlichen Fabriken: das
Aufsatzinstitüat von Artur Giegler in Leipzig, das für 20 Pfennig per
Quartseite einen Aufsatz oder eine Rede über jedes‘ beliebige Thema
zu liefern bereit ist; ferner ein Unternehmen, das in der „Bayerischen
Lehrerzeitung“ (1906 n. 45 S. 887) „Konferenzarbeiten gut. und billig“
empfiehlt; endlich das Anerbieten des Herrn Direktor a. D. Claise in
Breslau, der „zur rite Erwerbung der Doktorwürde jederzeit fertige
gute Abhandlungen von bewährten Fachleuten“ zur Verfügung stellen
möchte. Ob solche Institute gute Geschäfte machen, entzieht sich
leider unserer- Kenntnis. Doch schon die Tatsache, daß sie existieren
und in der Öffentlichkeit ihre Dienste anbieten, läßt die‘ Mahnung zu
ernster eigener Arbeit als nicht ganz überflüssig erscheinen.
Diese Arbeit muß aber notwendig eine beharrliche sein.
Eine schöne Arbeit anfangen, ist verhältnismäßig leicht.
Für acht oder vierzehn Tage wird die Begeisterung in der
Regel wohl ausreichen. Dann aber oder auch schon früher
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