Voraussetzungen 149
Hülskamp im Nekrolog: „Männer, die bei mehr als 80 Lebensjahren
mehr Stunden als Reinke auf das Studium und weniger als er auf Er-
holung, Vergnügen und Gesellschaft verwendet haben, wird es in allen
Zeiten nur sehr wenige geben“ (Literar. Handweiser 18 [1879 n. 244] 242 £).
Wie bei diesen letzten Gelehrten, so scheint auch bei
den meisten übrigen ernste wissenschaftliche Arbeit bei
sorgsamster Ausnützung der Zeit auf die Lebensdauer nicht
ungünstig eingewirkt zu haben; denn fast ausnahmslos
haben die genannten Männer der Wissenschaft ein Alter
von 70 Jahren und darüber erreicht. Mag auch ihr Beispiel
nicht in allem und von allen nachzuahmen sein, so bleibt
es doch für alle eine ernste Mahnung, die Forderung
gewissenhaft zu beherzigen: Geize mit deiner kostbaren
Zeit, eingedenk des alten Wortes: „Heu, fugit interea, fugit
irreparabile tempus“
4. An letzter Stelle sei hier kurz noch eine Voraus-
setzung erwähnt, mit der wir uns später eingehender zu
beschäftigen haben. Es ist die Forderung, mit der Lek-
türe und dem Studium der Quellen das Streben
nach selbständiger Beurteilung derselben zu
verbinden.
Die Notwendigkeit dieses Strebens brauchen wir nieht
erst ausführlich zu beweisen. Ein Kritikloses Abschreiben
der Quellen ohne das Bemühen, zu einem eigenen Urteil
über ihren Wert zu gelangen, kann ja überhaupt auf den
Namen eines wissenschaftlichen Quellenstudiums keinen
Anspruch erheben. Deshalb war z.B. schon Ignaz Weiten-
auer so sehr von dieser Notwendigkeit überzeugt, daß er
in der ersten Hälfte seines Werkes „De modo legendi et
excerpendi“ fast ausschließlich die Regeln über die selbstän-
dige Kritik des Gelesenen vorlegt und mit Beispielen erläutert.
Im folgenden Abschnitt über die Verarbeitung des
gesammelten Stoffes müssen wir näher auf diese Regeln
der Kritik eingehen. Hier mag daher der kurze Hinweis
auf diese Voraussetzung genügen.
48. Bemerkungen für die Praxis. Weil das
Studium der Quellen vor allem eine persönliche Arbeit sein
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