Bemerkungen für die Praxis -
Man muß sich dabei aber vor der Gefahr hüten, daß
man alles Frühere und auch die Quellen selbst nun bloß
durch die Brille des letzten Bearbeiters betrachtet‘).
7. Bei der Lesung einer für die Arbeit wichtigen Schrift
beginne man mit dem Vorwort und der Ein-
leitung, um über den Charakter, das Ziel und die
Grenzen der vorliegenden Untersuchung Aufschluß zu er-
halten. Eine Übersicht über den Inhalt und die
Ergebnisse sowie den Schluß des Werkes wird dann
bald zeigen, ob ein genaueres Studium aller einzelnen Teile
desselben für das eigene Thema eine lohnende Ausbeute
verspricht. Je nach dem Befund wird man darauf die
ganze Schrift oder nur die einschlägigen Kapitel durch-
zunehmen und die Beweisführung im einzelnen zu
prüfen haben.
Bei Werken, die sich nur gelegentlich mit unserer
Frage befassen, genügt es in der Regel, die für die
eigene Arbeit wichtigen Teile genauer zu studieren und
sich ein Urteil über den Wert und den Charakter der
Schrift zu bilden.
Ist es von vornherein fraglich, ob eine Quelle für un-
seren Stoff etwas bieten wird, so bleibt einem die Arbeit
des Suchens nicht erspart. Sie kann durch Zuhilfenahme
des Inhaltsverzeichnisses und des Registers sowie durch
Stichproben erleichtert werden, und auch für die kursorische
Durcharbeitung solcher Werke bringt längere Übung größere
Leichtigkeit und eine gewisse Meisterschaft.
8. Die Würde ‘der wissenschaftlichen Arbeit verlangt
es, daß wir uns bei dem Studium der Quellen nicht mit
der Übersetzung begnügen, sondern mit dem Werk
in seinem Urtext bekannt zu machen suchen, soweit die
Grenzen der Möglichkeit es gestatten. Denn jede Über-
setzung bleibt doch immer nur ein Hilfsmittel aus zweiter
Hand, und mag der Dolmetsch seines Amtes auch noch so
gewissenhaft gewaltet haben, sein Werk ist stets nur ein
Notbehelf und kann uns nimmer das Original ersetzen.
a !) Diese Bemerkung unter n. 6 verdanke ich Jakob Overmans.
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