Studium und Lektüre
Ebenso ist es eine berechtigte Forderung wissenschaft-
licher Genauigkeit und unter Umständen selbst der Gerech-
tigkeit, daß wir unter mehreren Auflagen oder
Bearbeitungen eines Werkes stets die letzte
zu benutzen suchen. Denn diese allein kann bei etwaigen
Abweichungen von früheren Ausgaben für die wirkliche
Meinung des Verfassers in Anschlag gebracht werden.
In besonderen Fällen können sich selbstverständlich
Ausnahmen von diesen Regeln als notwendig ergeben. Zu-
weilen kann die neue Bearbeitung einer Schrift ein ganz
neues Werk sein, neben welchem die frühere Ausgabe als
ältere selbständige Arbeit in Betracht kommt. So ist z. B.
die Neubearbeitung des „Lebens Jesu“ von David Friedrich
Strauß aus dem Jahre 1864 ein ganz neues Werk „für das
deutsche Volk“, und das frühere „Leben Jesu kritisch unter-
sucht“ behält daneben einen selbständigen Wert. Von den
vier Auflagen dieser früheren Schrift aus dem Jahre 1835
bis 1840 wird man für gewöhnlich nur die letzte für die
endgültige Meinung des Kritikers benutzen dürfen; wo es
sich aber darum handelt, die verschiedenen Wandlungen
in seinen Anschauungen kennen zu lernen, wird man not-
wendig die früheren Bearbeitungen seines Werkes zu Rate
ziehen müssen. Ebenso kann eine Übersetzung für uns zu-
weilen selbst wichtiger werden als das Original, wenn eben
das Werk des Übersetzers als solches für den Gegenstand
einer Untersuchung in Betracht kommt. '
9. Auf die ganz praktische Frage, wie man denn die
ganze notwendige Literatur sich verschaffen soll, läßt sich
im allgemeinen nur erwidern, daß jeder sich mit einer
größeren Bibliothek in Verbindung setzen und
mit den Hilfsmitteln, die ihm dieselbe bietet, möglichst ver-
traut machen muß. Bei dem ausgedehnten Leihverkehr,
in dem die meisten öffentlichen Bibliotheken untereinander
stehen, ist es verhältnismäßig leicht gemacht, auch jene
Werke zu erhalten, die nur in auswärtigen Büchersamm-
lungen vorhanden sind.
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