Full text : Wissenschaftliches Arbeiten

Kollektaneen
49. Notwendigkeit und Nutzen. 1. „Um wahre
Wissenschaft zu erlangen, muß man nicht die Bibliothek
mit Büchern, sondern den Geist mit Kenntnissen bereichern,
nicht ganze Bände voll Auszüge schreiben, sondern sich
alles Wissenswerte einprägen, das man hört oder liest“?).
Diese richtige Erwägung hat zu dem Trugschluß Anlaß
gegeben, die schriftlichen Aufzeichnungen bei der Lektüre
seien als eine zwecklose oder gar schädliche Arbeit zu
verwerfen.
Auf eine eingehendere Widerlegung solcher Meinungen
können wir hier verzichten. Bücher und Auszüge machen
zwar nicht die wahre Wissenschaft aus; sie sind aber in
vielfacher Hinsicht ein notwendiges Mittel, um sich die
wahre Wissenschaft zu erwerben. Die meisten der angeführten
 älteren Autoren geben eine lange Reihe von Gründen
an, um diese Notwendigkeit zu beweisen. Für die Notwendigkeit
 und den Nutzen der Kollektaneen im allgemeinen
 lassen sich diese Gründe in die drei Punkte zusammenfassen:
 die Auszüge aus dem Gelesenen zwingen
zu größerer Aufmerksamkeit bei der Lektüre; sie verhelfen
zu einem besseren Verständnis und: zu leichterer Aneignung
des Inhaltes; sie sind die beste Stütze unseres schwachen
und unsicheren Gedächtnisses. Der letzte Grund kann für
sich allein vollkommen genügen. Er war auch für den
hl. Augustinus der entscheidende Beweggrund zu manchen
Aufzeichnungen: „Propter memoriam, quae infida custos
est excogitatorum, referri in litteras volui, quod inter nos
saepe pertractavimus“?). Die Unzuverlässigkeit dieses Wächters
 im Behülen der anvertrauten Schätze wird jedem durch
die eigene Erfahrung nur zu oft bestätigt. Möge er nicht
zu spät die Klage des Casaubonus wiederholen müssen:
„Dolet mihi quod multa legerim in nostra bibliotheca, quae
jam pridem in adversaria mea [d. i. in die Kollektaneen]
') Fr. Sacchini, De ratione libros cum profeetu legendi, in: Bibliothek
 f. kath. Pädag. 10, 176.
?) S. Augustinus, Contra Academicos 2 c. 9 n. 22 (Migne, P. L.
32, 930).

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